TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. Mai 2015 von Anita Heubacher - Wos woar mei Leischtung?

Innsbruck (OTS) - Wofür Schüler heute ein "Sehr gut" bekommen, ist nicht klar: für ihre Leistung oder die ihrer Eltern? Wenn viel mehr Kinder Einser bekommen, kann das nur eine Nivellierung nach unten bringen, weil der Ansporn für die Guten fehlt.

In Österreich ist die Gymnasialreife gesetzlich definiert. Mit "Sehr gut" und "Gut" könnten Vorzugsschüler ans Gymnasium. Heuer hat auch das nicht gereicht. Kein Platz am Wunschgymnasium, nicht einmal an irgendeinem. Für Eltern, Kinder und Volksschullehrer ein Albtraum. Dem entgehen zu wollen, ist von allen Seiten verständlich. Deshalb wird seit Jahren besser benotet, als es Kinder eigentlich verdient hätten, werden zusätzliche Gymnasien gebaut oder Geld und Zeit in den Sprössling investiert. Mit abnehmendem Gesamterfolg. In Österreich hat die Bildungspolitik laut messbaren Kriterien versagt und sich die individuelle Förderung des Kindes als der Königsweg der Pädagogik herausgestellt. Dumm nur, dass den nicht alle beschreiten können, aus intellektuellen und aus monetären Gründen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht eine Katastrophe, weil viel zu viele Kinder auf der Strecke bleiben. Chancengerechtigkeit - die existiert in Österreich nicht. Bildung ist erblich.
Schafft ein Kind die erste Hürde der Selektion und kommt ans Gymnasium, startet für Kinder, die dort eigentlich nicht hingehören, ein Martyrium. Pauken, pauken, um über die Runden zu kommen. Statt ihr musikalisches Talent an einer Musikhauptschule ausbauen zu können, lernt Lisa jetzt hauptsächlich Deutsch und Mathe. Das liegt ihr zwar nicht, dafür sitzt sie mit Hilfe ihrer Eltern im Wunschgymnasium. So gehen Kompetenzen verloren.
Wo bleibt denn die Elite, wenn die Masse ins Gymnasium drängt? Diese Frage treibt Eltern von wirklich sehr guten Schülern um. Die Angst vor der Nivellierung nach unten grassiert, weil immer mehr Schüler in der falschen Schule sitzen. Wenn Noten nichts mehr heißen, wo bleibt da der Ansporn? Wasser auf die Mühlen der Anti-Leistungsgesellschaft. Aus der kindlichen Welt wurde der Leistungsgedanke ohnehin fast zur Gänze verbannt. Da passt doch gut ins Bild, dass nicht die Leistung, sondern das Fachurteil der Pädagogen hinterfragt wird. Deren Rechte gegenüber den Kindern wurden immer stärker beschränkt, die der Eltern und der Schüler ausgebaut. Mit dem Erfolg, das kaum etwas Konsequenzen hat. Damit das klar ist, das hier ist nicht der Aufruf zum Scheitelknien, aber so wie es jetzt läuft, läuft es auch in die falsche Richtung.
Denn nach der Schule wird Leistung plötzlich ganz großgeschrieben. In der Arbeitswelt bekommt man Lohn für Leistung. Zumindest im Normalfall.

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