Offener Brief zum Artikel „Tabu-Abtreibung“ in Profil 20/2015

Wien (OTS) - Sehr geehrte Frau Linsinger, Frau Krobath und Frau Hager,
liebe Redakteurinnen,

mit Spannung haben wir Ihren Artikel zum Thema Abtreibung erwartet. Denn seit vielen Jahren - derzeit ganz intensiv durch die Bürgerinitiative "Fakten helfen!"- bemühen wir uns darum, auch in der politischen Diskussion ein neues Kapitel in der Behandlung des Themas Abtreibung aufzuschlagen. Wir finden, 40 Jahre nach Einführung der Fristenregelung muss es möglich sein, sich auch über Parteigrenzen hinweg sachlich über das Thema zu verständigen. Eine bessere Datenlage würde da ganz bestimmt helfen. Ihrem Artikel zufolge können Sie diesem Anliegen auch einiges abgewinnen.

Die politische Debatte hinkt der Realität längst hinterher. Und dies spiegelt sich leider auch in Ihrem Aufmacher-Artikel: in dem Interview mit Dr. Fiala und der ehemaligen SPÖ-Ministerin Karl, in der Beobachtung der letzten verbliebenen Demonstranten. Es entsteht der Eindruck, als hätte sich sonst gar nichts bewegt bei den AkteurInnen von damals, in der Forschung und im Bemühen, einen Fortschritt in der Debatte zu erzielen.

Dabei hat sich viel getan.

  • Erstens will keine relevante gesellschaftspolitische Kraft zurück zur Zeit vor der Fristenregelung. Der Kompromiss, der hält, lautet: Entscheidungsfreiheit für die Frauen und Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs im Rahmen des Gesetzes, aber trotzdem die Feststellung: es geht auch um das Leben eines Kindes, Abtreibung sollte möglichst vermieden werden. Die Verteidigung der Fristenregelung ist reines Ritual, damit wird Stimmung gemacht und Zugehörigkeit bekundet.
  • Zweitens hat sich in der Forschung zur Pränatalzeit sehr viel getan. Wer einen Embryo als Zellhaufen oder Fruchtsack bezeichnet, hat sicherlich Gründe dafür, die aber dem aktuellen Stand der Wissenschaft nicht entsprechen.
  • Drittens ist es längst gelungen, das Verständnis für den Embryo als ungeborenen Menschen und die Rechte der Frauen nicht gegeneinander auszuspielen. Das ist auch die Grundlage der ergebnisoffenen Schwangerenberatung, wie aktion leben sie auf höchstem Niveau und unter großer Anstrengung, dies auch zu finanzieren, anbietet.
  • Viertens hat sich Schwangerenberatung etabliert und wird vielfach in Anspruch genommen, ist zuverlässige Begleiterin, die nicht beurteilt, Raum für eigene Überlegungen gibt und dort hilft, wo es möglich ist. Schwangerenberatung entlastet. Das ist Lebensschutz, wie wir ihn für sinnvoll halten.

Schade ist, dass im Artikel einige Behauptungen stehen, die ideologisch, aber nicht sachlich begründet sind:

Die öffentliche Bezahlung der Abtreibung und die Statistik stehen in keinem kausalen Zusammenhang, auch wenn einer Ihrer Interviewpartner das ständig wiederholt. Dass die Statistik verweigert wird, hat ideologische Gründe und ist dem Umstand geschuldet, dass sie nicht -wie in den meisten anderen Ländern - gemeinsam mit der Fristenregelung eingeführt wurde.

Ebenso ist es ein Mythos, dass kostenlose Verhütung die einzig wirksame Maßnahme ist, um die Zahl der Abbrüche zu senken. Prinzipiell darf Verhütung nicht an den Kosten scheitern, dem schließen wir uns an, aber es braucht auch Sexualpädagogik und Infos über die Anwendung und Kommunikation zwischen den Partnern usw. Zudem hat gerade die im Artikel als Beleg zitierte Studie des Salzburger Frauengesundheitszentrums Folgendes ergeben: Die Frauen führten an, dass in den meisten Fällen nicht die Kosten das Problem waren, sondern andere, leider auch schwerer greifbare Motive - zum Beispiel Ambivalenzen gegenüber einer möglichen Schwangerschaft. Frauen verhüten unter anderem dann nicht zuverlässig, wenn sie die Möglichkeit einer Schwangerschaft nicht ganz ausschließen wollen, dies übrigens auch unbewusst.

Um die Debatte mit neuen Aspekten zu beleben, werden wir das Schreiben an Sie als offenen Brief veröffentlichen. Auf jeden Fall bedanken wir uns, dass Sie das Thema aufgegriffen haben. Vielleicht ist eine Weiterführung des Themas unter Berücksichtigung neuerer Entwicklungen einmal möglich. Wir würden uns darüber freuen.
Mit freundlichen Grüßen

Mag. Martina Kronthaler, Generalsekretärin aktion leben österreich

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