Basel III gescheitert? Finanzbranche droht erneuter Umbruch

Wien (OTS) - Nach der Einführung der Basel III-Standards und der Neuordnung der europäischen Bankenaufsicht im Jahr 2014 sind die Folgen für den österreichischen Finanzmarkt auch noch im ersten Quartal 2015 deutlich spürbar. Noch bevor die Auswirkungen auf die Realwirtschaft untersucht und beurteilt werden können, planen der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht sowie europäische Institutionen bereits weitere einschneidende Änderungen für die Finanzbranche, die in Fachkreisen bereits als "Basel IV" bezeichnet werden. Dazu zählen vor allem neue Messmethoden für das Kreditrisiko, das Marktrisiko und das operationelle Risiko, die in Summe wohl abermals erhöhte Eigenkapital-Anforderungen bedeuten. Aus Sicht von Deloitte wird "Basel IV" daher weitreichende Auswirkungen auf die Finanzbranche, aber - mehr noch als Basel III - auch auf die Industrie haben.

Nur rund ein Jahr nach Inkrafttreten von Basel III werden wesentliche Vorschriften der drei Säulen des Basler Papiers teilweise komplett überarbeitet und erweitert. In Säule I werden generell die Eigenkapitalanforderungen geregelt und der bankenaufsichtsrechtliche Eigenmittelbegriff festgelegt. Erklärtes Ziel der Neuregelung in diesem Bereich ist es, die Risikosensitivität zu erhöhen und international vergleichbare Kapitalanforderungen zu schaffen. In der Säule II ist das Überprüfungsverfahren durch die Bankenaufsicht geregelt und Säule III enthält Offenlegungsanforderungen. Die bevorstehenden Änderungen in diesen beiden Bereichen zielen somit auf eine Verbesserung der internen Risikomessung und Governance-Prozesse sowie eine höhere Transparenz ab. Insgesamt lässt sich laut Deloitte in regulatorischer Hinsicht der Trend beobachten, noch stärker als bisher in die Entscheidungsbefugnisse des Vorstands und der Eigentümer von Banken einzugreifen. "Die substanziellen Änderungen, die von Seiten der europäischen Bankenaufsicht aktuell geplant sind, lassen vermuten, dass die bisherigen Basel-Regelungen nicht den gewünschten Effekt erzielt haben", stellt Dominik Damm, Partner und FSI Country Leader bei Deloitte Österreich, fest.

Neugestaltung des Bankensektors?

Sowohl die Überarbeitung des Standardansatzes für das Kreditrisiko als auch die Erweiterung des Überprüfungsprozesses der Bankenaufsicht haben große Auswirkungen auf die Kapitalplanung, das Geschäftsmodell und die Rentabilität von Banken. Für das Management der Finanzinstitute steht vor allem auch ihre Souveränität am Spiel. "Neben der Einführung eines weiteren umfassenden Regelwerks steht den Instituten insbesondere die kritische Überarbeitung des Geschäftsmodells bevor. Die vorgeschlagene Risikogewichtung von Instituten, Unternehmen und Beteiligungen primär auf Basis vordefinierter Risikotreiber erfordert umfassende Anpassungsmaßnahmen", fasst Damm zusammen und empfiehlt auch Unternehmen außerhalb der Finanzbranche, sich frühzeitig auf Basel IV vorzubereiten. "Die meisten Änderungen werden voraussichtlich 2017 in Kraft treten. Banken und Unternehmen sollten aber bereits jetzt die Entwicklungen bei der langfristigen Kreditvergabe im Auge behalten und prüfen, da sonst die Gefahr der Ertragsfalle droht", empfiehlt Damm.

Nicht nur Banken, auch die Industrie müssen sich auf "Basel IV" vorbereiten

Die Finanzindustrie befürchtet vor allem abermals erhöhte Eigenmittelanforderungen sowie die vollständige Eliminierung externer Ratings bei der Berechnung der Eigenmittelanforderungen. Kritisch werden vor allem die höhere Risikogewichtung, die Einschränkung der anrechenbaren Maßnahmen zur Kreditrisikominimierung und die Erhöhung der Bewertungsabschläge bei Kreditsicherheiten gesehen. Weiters gehen Banken davon aus, dass künftig bei der Kreditvergabe bzw. der Risikobewertung die Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen zu wenig berücksichtigt werden. Aus Sicht der Industrie würde die Kreditbewertung zusätzlich durch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Daten erschwert werden. In Summe besteht somit die Gefahr, dass die zusätzlichen Kosten für die Finanzinstitute die Kreditklemme weiter verstärkt und die Investitionsbereitschaft am Standort Österreich gehemmt wird.

Verlierer sind abermals die Banken, große Unternehmen könnten Gewinner sein

Die Überarbeitung des Standardansatzes hat für Finanzinstitute sowohl aus Kreditgeber- als auch aus Kreditnehmersicht erhebliche Auswirkungen. Verglichen mit aktuellen gesetzlichen Vorgaben werden die anzuwendenden Risikogewichte und entsprechende Kapitalkosten besonders für jene Kredite erhöht, die an Banken vergeben werden. Dies betrifft insbesondere kleine und mittelgroße Kreditinstitute, die über kein externes Rating einer anerkannten Rating-Agentur verfügen und somit bis dato alternativ auf Basis eines Länder-Ratings beurteilt wurden. "Die gemäß überarbeitetem Ansatz heranzuziehenden Indikatoren werden grundsätzlich von Instituten jeglicher Größe berechnet und veröffentlicht, wodurch die bisherige Abhängigkeit von externen Ratings und somit auch die alternative Anwendung des meist mit geringeren Kapitalkosten verbundenen Sitzstaaten-Ratings eliminiert wird", erläutert Damm.

Auch im Bereich der Unternehmerkredite spielt die Größe eine wesentliche Rolle. So haben Analysen gezeigt, dass große, an Börsen notierte Unternehmen künftig geringere Kapitalkosten verursachen, während für kleine und mittelgroße Unternehmen von stagnierenden bzw. leicht steigenden Kapitalkosten auszugehen ist.

Die geplanten Änderungen von "Basel IV" im Detail:

Ein neuer Standardansatz für das Kreditrisiko soll vor allem die bisher mangelnde Risikosensitivität steigern und die hohe Abhängigkeit von externen Ratings senken. Weitere Schwächen des aktuellen Standardansatzes sind eine veraltete Bewertung der Risikogewichtung, die unterschiedlichen nationalen Wahlrechte sowie die hohe Komplexität von Techniken, die Kreditrisiken minimieren. Folgende Standards sollen nun eingeführt werden:

  • Wesentliche Risikogewichte sollen künftig anhand von "Risikotreibern" und nicht mehr anhand von externen Ratings bestimmt werden
  • Geänderte Forderungsklassen-Abgrenzungen sollen eine risikosensitivere Ausgestaltung und bessere Vergleichbarkeit ermöglichen
  • Weitgehende Beseitigung von nationalen Wahlrechten, Unklarheiten und komplexen kreditrisikomindernden Techniken

Zum Download:

Foto Dominik Damm Credit Roland Lindner
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