- 05.05.2015, 14:09:14
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"Unermesslich ist der Dank, den wir ihnen schulden"
Das Parlament gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus
Utl.: Das Parlament gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus =
Wien (PK) - "Als das Konzentrationslager Mauthausen errichtet wurde,
war ich fast zwei Jahre alt. Als die letzten Überlebenden von der US-
Armee befreit wurden, war ich acht Jahre alt. Man könnte also denken,
dass in meinen Erinnerungen an diese Jahre das KZ-Mauthausen kein
Thema wäre. Dem ist aber nicht so." Mit diesen Worten eröffnete die
Schriftstellerin Christine Nöstlinger ihre Rede bei der heutigen
Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die
Opfer des Nationalsozialismus im Historischen Sitzungssaal des
Parlaments (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 459). Die Veranstaltung
stand heuer - am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen - im Zeichen der Überlebenden der NS-Verbrechen.
Neben Christine Nöstlinger sprachen Nationalratspräsidentin Doris
Bures und Bundesratspräsidentin Sonja Zwazl zu den rund 600 Gästen.
Im Anschluss wurden Lebensgeschichten der NS-Überlebenden Rudolf
Gelbart, Lucia Heilman, Suzanne-Lucienne Rabinovici und Ari Rath
vorgetragen - teils von den Überlebenden selbst, teils von
SchauspielerInnen des Burgtheaters. Die Aufführung fand im Rahmen der
eigens für das Parlament adaptierten Fassung der Burgtheater-
Produktion "Die letzten Zeugen" statt.
Nöstlinger: Nicht allzu viel zum Positiven verändert
Nöstlinger thematisierte in ihrer Rede ihre persönlichen kindlichen
Erlebnisse mit dem Unrecht der NS-Zeit. Etwa wenn sie von ihrer
Mutter hörte, wie SA-Männer den "Herrn Fischl" abführten, in dessen
Wohnung und Werkstatt kurz darauf ein "arischer Schuster" einzog. Als
Nöstlinger ihre Mutter fragte, wohin denn der "Herr Fischl" gebracht
worden sei, bekam sie als Antwort: "Na, ins KZ."
Die Nachkriegsregierungen seien "nicht besonders emsig bemüht"
gewesen, die Täter der NS-Zeit zu verfolgen, sagte Nöstlinger
weiters. Die Schriftstellerin mahnte, dass sich bis heute "nicht
allzu viel zum Positiven verändert" habe. Heutiger Rassismus lehne
"schlicht alles Fremde" ab, sehe das eigene Volk durch "Überfremdung"
in Gefahr, wittere sogar "Bevorzugung der Ausländer".
"Wer so denkt, und unter gleich Gesinnten auch so redet", fuhr
Nöstlinger fort, "schmiert noch lange keine rassistischen Parolen,
wirft keine jüdischen Grabsteine um, beschimpft keine Frauen, die
Kopftuch tragen, verprügelt keinen Schwarzen und zündet kein
Asylantenheim an. Aber den Menschen, die es tun, geben sie die
Sicherheit, auch in ihrem Interesse zu agieren. Sie sind der
Nährboden, aus dem Gewalt wächst".
Bures: Niemals vergessen - eine Bürde und ein Versprechen
Nationalratspräsidentin Doris Bures bedankte sich in ihrer Rede bei
den Überlebenden der NS-Verbrechen dafür, dass sie ihre furchtbaren
Erlebnisse an die nächsten Generationen weitergegeben haben (siehe
Parlamentskorrespondenz Nr. 457).
"Heutige Generationen haben das Privileg, das Geschehene aus dem Mund
jener zu hören, die es selbst erlebt haben", sagte Bures. Diese
persönlichen Erzählungen seien für die Nationalratspräsidentin und
für viele andere der stärkste Impuls für die Auseinandersetzung mit
den NS-Verbrechen gewesen.
"Es muss den Zeugen dieser schrecklichen Zeit unermessliche,
unvorstellbare Kraft kosten, das Erlebte immer und immer wieder zu
erzählen und damit immer und immer wieder zu durchleben", fuhr Bures
fort. "Unermesslich ist daher auch der Dank, den wir ihnen dafür
schulden!"
Die Nationalratspräsidentin schloss ihre Rede mit den Worten: "Nur,
wenn wir wissen, was war, und nur, wenn wir wissen, warum es war,
können wir verhindern, dass wieder kommt, was niemals wieder sein
darf. Niemals vergessen - das ist unser Versprechen. Es entstand aus
der Bürde der Überlebenden, niemals vergessen zu können."
Zwazl: Sprache ist das Alarmsignal
Bundesratspräsidentin Sonja Zwazl warnte in ihrer Rede vor einer
Verrohung der Sprache (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 458).
"Sprache ist verräterisch", sagte Zwazl. Sprache zeige, wenn in einer
Gesellschaft etwas schief laufe. Sprache sei das erste Zeichen, wenn
sich Menschen und Gesellschaften radikalisieren würden. "Die
Verrohung der Sprache ist das Alarmsignal, das dringend zu Umkehr
mahnt."
Zwazl rief weiters dazu auf, "immer und immer wieder aufzustehen und
ein klares Nein zu sagen, wenn Radikalismus ein friedvolles
Zusammenleben bedroht. Aufzustehen und Nein zu sagen, wenn die
Sprache und damit der Umgang der Menschen miteinander verroht". Diese
Mahnung, sagte Zwazl, kenne "kein Gestern, Heute oder Morgen". Diese
Mahnung sei zeitlos gültig und notwendig. "Das Nein zu Rassismus und
Gewalt ist ein Dauerauftrag - für heute, für morgen, für immer."
Der 5. Mai, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen, ist seit 1997 der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im
Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.
Nationalratspräsidentin Bures und Bundesratspräsidentin Zwazl
begrüßten zur diesjährigen Veranstaltung im Historischen Sitzungssaal
des Parlaments zahlreiche Gäste, unter ihnen Überlebende der NS-
Verbrechen, der Bundespräsident, der Bundeskanzler und Mitglieder der
Bundesregierung.
Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung im Historischen Sitzungssaal
kam es im Palais Epstein noch zu einer Veranstaltung mit
Überlebenden. Zwei Schulklassen bekamen die Gelegenheit, mit den vier
NS-Überlebenden Rudolf Gelbart, Lucia Heilman, Suzanne-Lucienne
Rabinovici und Ari Rath ins Gespräch zu kommen.
Am 9. Mai 2015 findet überdies die voraussichtlich letzte Vorstellung
des Stückes "Die letzten Zeugen" unter Ehrenschutz von
Nationalratspräsidentin Doris Bures im Burgtheater statt. (Schluss)
wz
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf
www.parlament.gv.at.
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