Tiroler Tageszeitung, Ausgabe von Dienstag, 28. April 2015; Leitartikel von Anita Heubacher: "Haben Sie eine Zusatzversicherung?"

Innsbruck (OTS) - Gäbe es keine Zweiklassenmedizin, dürfte diese Frage gar nicht gestellt werden. Offiziell negiert, treibt das österreichische Gesundheitssystem seit Jahrzehnten die seltsame Blüte der Privathonorare. Das wird so bleiben.

Wie bitte, soll denn die Frage nach der Zusatzversicherung beim Patienten ankommen? Aha, ich werde besser behandelt, weil ich besser bezahlt habe. Das lässt sich beim Mediziner, Hippokratischer Eid hin und Helfersyndrom her, besonders unmoralisch an.
In Österreich floriert das System dennoch wunderbar, weil es viele Gewinner gibt. Der Patient, der es sich leisten kann, will besser behandelt werden, der Arzt sieht eine Zusatzeinnahmequelle, der Versicherer freut sich, Bund und Land machen sich als Arbeitgeber über die Privathonorare attraktiver und sparen ihrerseits bei den Einkommen. Mit ein Grund warum wir seit Monaten über die Erhöhung der bescheidenen Grundgehälter für Ärzte diskutieren. Sogar der "Nullachtfünfzehn-Patient" profitiert, weil so viel Privathonorargeld in die Spitäler fließt, dass sie ohne die Millionen garantiert defizitär, oder noch defizitärer, wären.
Besonders perfide wird es, weil jeder Gesundheitsminister und jeder Gesundheitslandesrat eine Zweiklassenmedizin abstreitet. Denn offiziell bekommt jeder Patient dieselbe Behandlung und der Sonderklassepatient zahlt nur die Arztauswahl und die Hotelkomponente, sprich Einzelzimmer und Menü. Solange geleugnet wird, brauchen weder Bundes- noch Landespolitik zu reagieren. Keine Zweiklassenmedizin, kein Handlungsbedarf. Die Praxis sieht anders aus. Kaum ein Patient, der nicht den Unterschied, wenn nicht am eigenen Leib, dann zumindest über Erlebnisberichte von anderen, erfahren hat.
Gesundheit ist ein gutes Geschäft. Das lässt sich auch an der Zahl der Privatkliniken oder an den Privatordinationen der Spitalsärzte ablesen. Wenn dort die "Rosinen", sprich die Besserzahler, herausgepickt werden, leidet das öffentliche österreichische Gesundheitssystem, weil weniger Geld lukriert werden kann, das dann auch nicht dem "Nullachtfünfzehn-Patienten" zugute kommt.
Das österreichische System wird sich nicht ändern. Deshalb wird in regelmäßigen Abständen zumindest über die Verteilung des Kuchens diskutiert und in den Bundesländern verschieden gehandhabt. Der bestverdienende Primararzt in Innsbruck erwirtschaftete 2011 laut Landesrechnungshof mehr als eine Million Euro ausschließlich an Privathonoraren. Insgesamt lagen 30 Millionen Euro bei 54 Primarärzten im Topf. Aber das Geld trägt sicher nicht zur Zweiklassenmedizin bei. Das glauben wir der Politik aufs Wort.

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