TIROLER TAGESZEITUNG AM SONNTAG "Leitartikel" Sonntag, 26. April 2015, von Floo Weißmann: "Die Politik mit der Geschichte"

Es gibt dieser Tage viel zu erinnern und deshalb auch viel zu streiten. Der Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart stehen in verhängnisvoller Wechselwirkung.

Innsbruck (OTS) - Wer geglaubt hat, Geschichte sei etwas Vergangenes und Abgeschlossenes, das Erinnern daran nur eine Pflichtübung, der wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Der Blick auf die Geschichte spiegelt immer auch die Gegenwart. Es geht um das Selbstverständnis von Einzelnen, Gruppen und Staaten. Und selbst dort, wo die historischen Fakten außer Streit stehen, birgt die Inszenierung des Gedenkens oft politische Brisanz. Die Jahre 2014 und 2015, die vollgestopft sind mit runden Jahrestagen im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen, die sind folglich auch vollgestopft mit Konflikten über die Deutung der Geschichte und die Form der Erinnerung.
Zwei aktuelle Beispiele, die ansonsten nichts miteinander zu tun haben, können dies illustrieren. Da ist zum einen das Gedenken an die Verfolgung der Armenier vor 100 Jahren im Osmanischen Reich. Die Türkei geißelt selbst wichtigste Verbündete, wenn diese es wagen, von Völkermord zu sprechen. Die Abwehr einer historischen Verantwortung wiegt für die Führung in Ankara schwerer als die Beziehungen ihres Landes in der Gegenwart.
Da ist zum anderen die Feier des Sieges über Nazi-Deutschland am 9. Mai. Die meisten westlichen Staats- und Regierungschefs boykottieren heuer die große Parade in Moskau. Sie wollen nicht den Streitkräften eines Landes huldigen, das gerade in einem Nachbarland militärisch interveniert. Der Konflikt der Gegenwart wiegt schwerer als der gemeinsame Erfolg in der Vergangenheit.
Die Ereignisse der Weltkriege sind in vielerlei Hinsicht auch Generationen später nicht abgehakt. Sie wirken unter anderem als Projektionsfläche und diplomatische Spielbälle ins neue Jahrhundert hinein. Das Erinnern erfordert auch von den Nachgeborenen mitunter politische Kraftakte.

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