Morgen vor 70 Jahren: 25. bis 27. April 1945

Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse dieser Tage vor 70 Jahren.

Mittwoch, der 25. April 1945

o Um 23.30 Uhr treffen bei Torgau an der Elbe amerikanische und sowjetische Truppen zusammen. Restdeutschland ist damit in zwei Teile geteilt.

o Berlin ist eingekesselt, hunderte Gebäude brennen.

o In der östlichen Steiermark treten deutsche Truppen zu sinnlosen örtlichen Gegenangriffen an, erobern einige Dörfer zurück und richten dabei schwere Zerstörungen mit vielen Opfern an.

o In Wien stellte das Sowjetkommando vierzig Lastwagen zur Verfügung, die aus Niederösterreich und dem Burgenland Lebensmittel nach Wien bringen, vor allem Milch und Gemüse für Spitäler und Heime.

o Der Schauspieler Raoul Aslan wird vom Wiener Kulturstadtrat Dr. Viktor Matejka zum Direktor des Burgtheaters ernannt. Seine Hauptaufgabe ist es, einen Ersatz für das zerstörte Haus am Ring zu finden.

o Alle Wiener Feuerwachen sind wieder in Betrieb. Der Großteil der Männer und des Geräts ist zwar noch immer im westlichen Niederösterreich bzw. in Oberösterreich, aber die wenigen Männer, die sich dem Abmarsch entzogen haben, bilden mit Pensionisten und Freiwilligen einen Notdienst.

o In San Francisco beginnt die Weltfriedenskonferenz, die eine weltweite Form der Friedenssicherung und der Zusammenarbeit schaffen soll. Alle 51 Staaten, die mit Deutschland und Japan im Kriegszustand sind, nehmen daran teil.

Donnerstag, der 26. April 1945

o Die Stadtverwaltung teilt mit, dass auf den Friedhöfen 5.500 unbeerdigte Leichen liegen. Eine noch weit größere, aber niemals genau ermittelte Zahl von Toten ist in Grünanlagen und Bombentrichtern provisorisch bestattet worden und muss möglichst bald exhumiert und ordentlich beigesetzt werden. Es gibt allerdings keine Särge.

o Die Musikschule der Stadt Wien hat ihren Betrieb wieder aufgenommen. Die Philharmoniker laden für den nächsten Tag zu ihrem ersten Konzert (Schubert, Beethoven, Tschaikowskij) unter Clemens Krauss im Großen Konzerthaussaal. Das Konzert wird am 28. April wiederholt.

o Die Wiener E-Werke geben bekannt, dass sie keinen Strom beziehen können, sondern auf die eigene Stromerzeugung aus Kohle angewiesen sind. Die Kohlenvorräte sind jedoch begrenzt. Deswegen kann Strom nur kurzzeitig abgegeben werden. Es gilt vor allem, die Versorgung der Wasserwerke sowie von Brotfabriken, Krankenhäusern und anderen lebenswichtigen Einrichtungen zu sichern.

Freitag, der 27. April 1945

o Unter strenger Geheimhaltung werden in der Hietzinger Blaimscheinvilla die Regierungsverhandlungen, von denen die Bevölkerung nicht einmal gerüchteweise hört, abgeschlossen. Die Forderung der Kommunisten nach zwei Schlüsselministerien (Inneres und Unterricht) musste akzeptiert werden. Ihre weitere Forderung nach einem stellvertretenden Regierungschef umgeht Renner. Es wird ein politisches Kabinett gebildet, dem unter seinem Vorsitz je ein Vertreter der drei Parteien angehört (Schärf für die SPÖ, Kunschak, einige Tage später Figl für die ÖVP, Koplenig für die KPÖ). Es gibt keine Ministerien, sondern Staatsämter. Jedes Staatsamt wird von einem Staatssekretär mit zwei Unterstaatssekretären der anderen Parteien geleitet. Eine Ausnahme ist das Staatsamt für Finanzen, das mit parteilosen Fachleuten besetzt wird.

o Die drei Parteien beschließen die "Unabhängigkeitserklärung", die von den vier Mitgliedern des politischen Kabinetts unterzeichnet wird. Sie erklärt den Anschluss an Deutschland für null und nichtig und verkündet die Wiederherstellung der demokratischen Republik im Geiste der Verfassung von 1920.

o Die Alliierten melden die Eroberung von Stettin, Brünn, Bremen, Konstanz, Mailand, Turin und Genua.

o In Wien spielen schon acht Kinos.

o Auf dem Rathausplatz spielen nun täglich russische Militärkapellen Wiener Musik, vor allem Strauß- Walzer.

(Schluss) red

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