TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. April 2015 von Nikolaus Paumgartten - Keine Zeit für faule Kompromisse

Innsbruck (OTS) - Angesichts des Mangels an Allgemeinmedizinern ist es ein Gebot der Stunde, die universitäre Aus- und Weiterbildung der Ärzte auf professionellere Beine zu stellen. Politisches Zaudern und Zögern erweist sich letztlich als Bumerang.

Die Gemeinde Pians hat sich vergangenes Jahr die Nachbesetzung ihres Allgemeinmediziners einiges kosten lassen: Gemeinsam mit den drei anderen Sprengelgemeinden wurde dem neuen Hausarzt die Praxis für 30.000 Euro abgelöst und die Gemeinde adaptierte die Räumlichkeiten um zusätzliche 25.000 Euro. Eine "Infrastrukturunterstützung" musste in der Vorwoche auch die Gemeinde Wildschönau in Aussicht stellen, um nicht im Juni eine verwaiste Ordination im Hochtal zu haben. Die Lehre daraus: Wer medizinisches Fachpersonal will, muss etwas bieten können und bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen. Zahlreichen anderen Dörfern in Tirol geht es ähnlich - und die Ärzte-Misere wird sich weiter zuspitzen: Ein Drittel der Landärzte tritt in den kommenden Jahren in den Ruhestand, 160 Stellen gilt es neu zu besetzen. Doch es mangelt an Nachwuchs, der bereit ist, sich der Herausforderung als Allgemeinmediziner zu stellen.
Neben den Fragen der Arbeitsbedingungen und der Entlohnung spielt die Ausbildung eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, den Beruf des Haus- bzw. Landarztes zu wählen. Doch in der universitären Lehre fristet die Allgemeinmedizin hierzulande seit Jahren ein untergeordnetes Dasein und wird lediglich von einer engagierten Fachgesellschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten hochgehalten. Die Forderung nach einem professionelleren Lehrumfeld, einem Institut für Allgemeinmedizin, ist nicht neu und wurde bereits vor zwei Jahren politisch zugesichert und abgesegnet, verlief zuletzt aber im Sand. Erst der angekündigte Rückzug der Gemeinschaft für Allgemeinmedizin aus der Uni-Lehre brachte vergangene Woche Bewegung in die Causa. Zumindest nach außen hin. Denn konkrete Maßnahmen, Zeitpläne und Dienstposten bleibt die Politik bislang schuldig.
Dabei ist jede verstrichene Woche bereits eine zu viel - für faule Kompromisse ist keine Zeit, dafür ist das Thema rund um die fehlenden Landärzte zu heiß und brennt bereits in zu vielen Gemeinden. Auch die Gefahr, dass nun aus der Hüfte geschossen ein abgespecktes Institut als Beruhigungspille für die Öffentlichkeit und die Allgemeinmediziner ins Leben gerufen wird, ist groß. Wer jetzt zögert und zaudert, wird früher oder später feststellen müssen, dass das auf die lange Bank geschobene Thema als Bumerang zurückkommen wird - in Form von leeren Ordinationen, die auf engagierte und gut ausgebildete Ärzte warten.

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