Tiroler Tageszeitung, Ausgabe von Montag, 20. April 2015; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Die Schuld des Wegschauens"

Innsbruck (OTS) - Allein im heurigen Jahr sollen 1500 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen sein. Die EU-Staaten müssen dem zynischen Kalkül der Schlepper endlich eine wirksame Antwort entgegensetzen. Sie machen sich schon jetzt mitschuldig.

Niemand kann von dem jüngsten Flüchtlingdrama im Mittelmeer überrascht sein. Wir alle wissen, dass Schlepper laufend große und kleine Boote auf die Reise schicken, um Menschen nach Europa zu bringen. Tatsächlich ist es den Schleppern völlig gleichgültig, ob die Schiffe die Überfahrt schaffen. Sie haben schon verdient. Alles Weitere ist egal. Die nächsten Kunden warten schon.
Die Verantwortlichen für die Tausenden Toten sind mit den skrupellosen Menschenhändlern schnell gefunden. Die Politikerinnen und Politiker der europäischen Staaten und der EU können sich ihrer Mitverantwortung aber nicht entziehen. Auch sie können von den tragischen Ereignissen im Mittelmeer nicht überrascht sein.
Zu lange dauert das Drama schon an. Zu lange kennen wir die Bilder heillos überfüllter Flüchtlingskähne, zu lange sehen wir, wie verzweifelte Menschen versuchen, in die spanischen Exklaven in Nordafrika zu gelangen. Zu lange schon lässt uns das Nebeneinander von Reichtum und Armut hilflos und betroffen zurück. Zu lange warten wir auch schon auf eine Antwort der EU. Aus der Rettungsmission "Mare Nostrum", die auch die Rettung der Bootsflüchtlinge zum Ziel hatte, wurde eine eingeschränkte Abschreckungsmission der Grenzschutzagentur. Die EU und ihre Staaten waren nicht mehr bereit, mehr zu bezahlen.
Zu lange warten wir auch schon auf ein Abkommen, das die Belastung durch die Versorgung der Flüchtlinge fair auf die EU-Staaten aufteilen würde. Zu lange gibt es weiters schon die Erkenntnis, dass eine Lösung in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ansetzen müsste. Geschehen ist bisher wenig. Und auch die Idee, Auffanglager in Nordafrika einzurichten und Schiffbrüchige dorthin zurückzubringen, greift zu kurz: Viele Flüchtlinge haben für die Fahrt nach Europa ihre Existenz aufgegeben. Sie haben nichts mehr zu verlieren und werden es daher wieder und wieder probieren.
Europa wird nicht darum herumkommen, stattdessen seinen Umgang mit jenen Menschen zu überdenken, denen es als "Wirtschaftsflüchtlinge" den Zutritt verwehrt. Einfach die Grenzen der Wohlstandsfestung dichtzumachen, führt direkt zum nächsten Bootsdrama. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch jetzt gerade wieder morsche Kähne mit Flüchtlingen in See stechen. Umso schneller müssen die EU und die europäischen Staaten handeln, um sich nicht noch weiter schuldig zu machen.

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