Fünf-Sterne-Hotel Wiener Stadthalle

Die wien.at-Serie stadtUNbekannt nimmt eines der größten und traditionsreichsten Veranstaltungszentren Europas unter die Lupe.

Wien (OTS) - Jedes Jahr sind rund eine Million Besucherinnen und Besucher zu Gast in der Wiener Stadthalle (15., Roland-Rainer-Platz 1). Sie sind beim Rockkonzert, Kindermusical oder einer der Sportveranstaltungen live dabei - und das seit fast 60 Jahren. Damit ist weniger vom klassischen Geheimtipp zu reden. Dennoch verbergen sich im Gebäude Bereiche, die kaum jemand kennt.

"Sechs Lastwagen haben aneinander gereiht Platz im Foyer der großen Mehrzweckhalle D. Und wir könnten einen Sattelschlepper an die Decke dieser Halle hängen", sagt Bernhard Widl, Projektleiter in der Wiener Stadthalle. Nur einige der 145 MitarbeiterInnen haben die Lizenz für die 10.000 Quadratmeter große Fläche zwischen Dach und Decke, die zwischen Original-Stahlträgern und Eisengittern komplett abzugehen ist. Etwa 16 Meter darunter ist der Hallenboden zu sehen.

Mit Seilwinden samt Motor lassen sich Ausstattungen bis zu einem Gewicht von 100 Tonnen anbringen, das sind zwei Sattelschlepper. So hochgegriffen das klingt, so hart sind die Anforderungen an Belastbarkeit und Dimension eines zeitgemäßen Veranstaltungszentrums. Die Hauptbühne für den Eurovision Song Contest (ESC) ist 44 Meter breit und 14 Meter hoch - das ermöglicht kreative Auftritte der InterpretInnen aus 40 Ländern.

Auf dem Weg zum "Green-Event"

Allein der Katalog der European Broadcast Union für den Song Contest ist mit vielen solchen Herausforderungen gespickt. Der 60. Eurovision Song Contest (ESC) ist ein vom ORF veranstalteter, ökologischer Green-Event. Die Umwelt-Kriterien sind in der Stadthalle wenig neu: "Wir sind bemüht, im Umweltbereich Verbesserungen einzuführen, die einen noch schonenderen Umgang mit Ressourcen ermöglichen. Schon jetzt geben wir Mehrweg-Pfandbecher aus, bieten getrennte Müllbehälter und entsorgen Sondermüll separat. Außerdem ist jede Eintrittskarte ein Öffi-Fahrschein", sagt Wolfgang Fischer, Geschäftsführer der Wiener Stadthalle.

"Wir sind ein Ort der Freizeit und das mitten in der Stadt, nicht wie ähnliche Einrichtungen weitab auf der grünen Wiese", so Fischer. Weitere Vorteile seien der Erfahrungsschatz der 145 MitarbeiterInnen, die bei rund 300 Veranstaltungen im Jahr Wissen ansammeln. Und die hohe Kapazität des Hauses, spezielle Dienstleistungen sowie eine in Österreich unübertroffene Infrastruktur: Nur Wien habe 50.000 Betten in einem Umkreis von fünf Kilometern.

Eigene Welt mit Länderinseln

Ein eigenes Leitsystem wird die ESC-TeilnehmerInnen durch die Gänge lotsen, damit sie auf kurzen Wegen auf die Bühne und retour gelangen. Drei Hallen, alle Foyers, Garderobenräume und Depots werden für die Großveranstaltung betrieben, die auch zwölf Shows in voller Ausstattung beinhaltet. "Um den reibungslosen Auf- und Abtritt zu gewährleisten, werden drei Rampen eingerichtet, die wie ein Kreisverkehr funktionieren", so Widl.

Ein bisschen wie früher ist, dass alle TeilnehmerInnen vom Radio-Symphonie-Orchester live begleitet werden. Beim "Grand Prix de la Chanson" wie der Song Contest früher genannt wurde, standen Kompositionen in der Landessprache im Wettbewerb. Das war auch 1967 so, als Udo Jürgens mit "Merci" den Song Contest nach Wien brachte. 48 Jahre später gehen für Österreich The Makemakes an den Start. Die Vorjahressiegerin Conchita Wurst wird als Gastgeberin fungieren. Aber egal wer gewinnt, am Ende soll es jedenfalls 12 Punkte für Wien geben.

Erwartet werden neben InterpretInnen und Begleitpersonen rund 3.000 MedienvertreterInnen aus ganz Europa und Australien, die mit Arbeitsplätzen und Informationen versorgt werden müssen. Geplant sind insgesamt rund 80 Mediengespräche. In den sogenannten Greenrooms, die wegen der Pflanzen so heißen, werden für diese Zeit statt der Osttribüne fast 40 Länderinseln eingerichtet. Das regionale Zuckerl bei einem der Eingänge sind die rund um die Uhr verfügbaren Wien-Infos und ein dichtes Angebot an Ausflügen des Wien Tourismus.

Vierzig Tonnen Beleuchtungskörper

Aber auch ohne Song Contest werden die MitarbeiterInnen der Wiener Stadthalle als Raumvermieterin immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Es gibt allgemeine Licht- und Tonanlagen, weil die Tourproduktionen im Regelfall die Ausstattung der Show mitführen. Lady Gaga hat zum Beispiel 38 Sattelschlepper auf Tour, wovon jeder 40 Tonnen Licht und Geräte für Showeffekte bewegt, um die Sängerin ins beste Licht zu setzen.

Hinter der grauen Stahltüre nach den Halleneingängen ist der Weg der BesucherInnen zu Ende. Dort kommen nur die Stars und ihr Betreuungspersonal hin. Ab und zu erhält man mit Meet&Greet-Tickets Einlass. "Ansonsten muss die Privatsphäre in den Garderobenräumen respektiert werden, die wie unser Wohnzimmer zu sehen sind", betonte Widl. Um individuelle Vorstellungen relativ einfach umsetzen zu können, sind die Garderobenräume schlicht mit weißen Tischen, schwarzen Sofas, einfachen Garderobenständern und beleuchtbaren Spiegeln ausgestattet.

Tapete und Fitnessgeräte

Madonna ließ hinter jeder Bühne der Welt ein Zimmer mit Tapete aufbauen. Marylin Manson bestand auf schwarzen Wänden in der Garderobe. Ein anderer Superstar lässt sich seine Lieblings-Hotelsuite nachbauen. "Die Stadthalle ist in dieser Hinsicht ähnlich einem Fünf-Sterne-Hotel, in dem alle Sonderwünsche erfüllt werden. Manche Künstlerinnen und Künstler wollen Massage, andere bringen ihre eigenen Fitnessgeräte mit. Wieder andere wie Bryan Adams gehen einfach mit ihrer Gitarre auf die Bühne und singen", sagt Wolfgang Fischer.

Wenn Tiere bei der Produktion mit dabei sind, müssen die strengen Auflagen des Wiener Tierschutzgesetzes eingehalten werden. Die Pferde für Reitturniere und -shows sind vor ihrem Auftritt in artgerecht ausgestatteten Koppeln in der Stadthallengarage untergebracht.

Originalzustand des Gebäudes seit 1958

Wer in die Veranstaltungshallen geht, muss über die knapp 60 Jahre alten Stufen. Die Stahlträger sind im Originalzustand und die Fassade der Wiener Stadthalle in Rudolfsheim-Fünfhaus ist längst zum denkmalgeschützten Markenzeichen geworden. Allein daran zeigt sich der Weitblick des visionären Architekten Roland Rainer (1910-2004). Der Standort profitiert immer noch von den funktionellen Hallen, die unabhängig voneinander oder gemeinsam bespielbar sind und zusammen auf 1.800 Quadratmetern ein Fassungsvermögen von 24.000 Personen haben. Allein die Halle D gibt bis zu 16.000 Menschen Platz.

Ein Kühlsystem sorgt für kalte Luft über mit Eis befüllte Säulen in der Halle, in den Sommermonaten wird die Halle aufgrund der Urlaubszeit und den Freiluftfestivals weniger gebucht. Für den ESC wurde auf energiesparende LED-Technologie umgerüstet. Dieselaggregate sorgen dafür, dass die Shows weitergehen, auch wenn der Strom ausfallen sollte. Wie in jedem öffentlichen Gebäude gibt es eine Lüftungsanlage, bei der die Luft umgewälzt wird. 2006 wurde mit der Halle F eine moderne Showarena errichtet, die wie eine klassische Theaterbühne funktioniert, ausgestattet mit fünf Vorhangreihen und klimatisierbaren Sitzen für das Publikum.

24-Stunden-Showtime

Unter dem weißen Boden der Halle D befinden sich Zubringerrohre für das Kühlsystem, um "Holiday on Ice" jedes Jahr im Jänner durchzuführen. "Dank 24-Stunden-Dienstrad, wandlungsfähiger Bestuhlung und enormer Manpower wird laufend ab- und aufgebaut", so Widl. Bei großen Konzerten ist der Applaus noch im Gange und schon stehen kräftige Männer, mit Signalweste und Helm, neben den Lastwagen, die in Windeseile mit knappen Handgriffen befüllt werden. Für Tonnen an Absperrgittern, Sesselreihen, Bühnenteile und mehr, das nicht immer eingesetzt wird, gibt es unter der Südtribüne einen riesigen Lagerraum - das "Süddepot".

Die MitarbeiterInnen haben verschiedene Berufe: Als KlimatechnikerInnen, Schlosser, Tischler und vor allem als Hallenarbeiter sind sie echte Logistikgenies. "Im Pool für Garderobendienst und Kartenabriss sind 500 bis 600 Frauen und Männer zwischen 18 und 80 Jahren. Das passt gut zu unserem Publikum vom Baby bis zu SeniorInnen", sagt Widl. Ab dem Song Contest tragen sie neue Outfits, die von den Schülerinnen der Modeschule Hetzendorf entworfen wurden.

Mehr Informationen: www.stadthalle.com, www.songcontest.wien.at

Pressebilder: www.wien.at/pressebilder

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