Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. April 2015. VonGABRIELE STARCK. "Die „neue Ära“ ist noch nicht viel wert".

Innsbruck (OTS) - Der kleine sozialistische Inselstaat Kuba hat sich dem Erzfeind und dessen Strafsanktionen mehr als 50 Jahre lang widersetzt. Jetzt versucht US-Präsident Barack Obama mit Diplomatie und Dialog einen Neubeginn.

Sie haben sich die Hand gegeben, sie haben miteinander gesprochen. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Annäherung zwischen den beiden höchsten Vertretern zweier völlig unterschiedlicher Systeme, keineswegs aber der Systeme selbst. Das einstündige Gespräch zwischen US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro hat für die Menschen beider Länder noch nicht mehr als symbolischen Wert. Obwohl auch die USA von der Aufhebung des Embargos massiv profitieren könnten, indem sich auf der Karibikinsel ein bislang noch nahezu unbestellter Absatzmarkt für sie auftäte, ist es keineswegs gewiss, dass sie diese Chance auch ergreifen. Die Republikaner laufen Sturm gegen Obamas neue Kuba-Politik. Sie pflegen lieber das alte Feindbild des Kommunismus, der Revolution und ihrer Revolutionäre - und sie werden dies lautstark tun in den anbrechenden Vorwahlzeiten, unterstützt von den Exil-Kubanern.
Doch alle, die das Castro-System zum Teufel wünschten, haben seit mehr als 50 Jahren vergeblich darauf gewartet. Der kleine sozialistische Karibikstaat hat widerstanden. Nun sei es an der Zeit, Neues zu versuchen, meinte Obama deshalb gestern.
Auf der anderen Seite haben die Kubaner trotz der am Boden liegenden Wirtschaft und der Reformbedürftigkeit ihres Landes auch etwas zu verlieren. Der Inselstaat bietet seinen Bürgern eine kostenlose Gesundheitsversorgung, die auch der WHO Lob abringt. Die Säuglingssterblichkeit ist gering, die Lebenserwartung hoch. Und obwohl die Infrastruktur hoffnungslos veraltet ist und viele wichtige Medikamente nicht zur Verfügung stehen, lockt das kubanische Gesundheitssystem viele Fremdpatienten ins Land, ebenso wie Tausende junge Menschen, die sich hier zu Ärzten ausbilden lassen wollen. Und das Bildungsniveau auf der Karibikinsel gehört laut Unesco zu den höchstentwickelten der Erde.
Doch davon können sich die Kubaner nichts kaufen. Das Trinkgeld der Touristen übersteigt schnell den Monatslohn eines Arztes. Und so ist es kein Wunder, dass die Kubaner unter dem Neuen, das Obama versuchen will, wohl weniger die in Aussicht gestellten diplomatischen Beziehungen oder die Streichung von der US-Terrorliste verstehen: Sie hoffen auf die Kraft des US-Dollars.
Wenn nun Raúl Castro seine Landsleute zur Geduld aufruft, versucht er seine Revolution zu schützen. Sobald die USA aber tatsächlich Obamas Weg beschreiten und Kuba das zulässt, wird sie schnell Geschichte sein.

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