Morgen vor 70 Jahren: 11. bis 13. April 1945

Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse dieser Tage vor 70 Jahren.

Mittwoch, der 11. April 1945

o Der Wehrmachtsbericht meldet: "Die zäh kämpfende Besatzung von Wien wurde nach schwerem Ringen auf den Donaukanal zurückgedrängt." Außerdem wird der Verlust von Hannover, Gelsenkirchen, Bochum und Essen zugegeben.

o Auf dem Messegelände kommt es zu schweren, für beide Seiten verlustreichen Kämpfen. Der Wurstelprater steht in Flammen. Auch in der übrigen Stadt gibt es viele Brände, vor allem durch den Artilleriebeschuss von beiden Seiten.

o Zivilisten und Soldaten beteiligen sich an Plünderungen, wobei vor allem Lebensmittel gesucht werden. An diesem Tag wird der Naschmarkt völlig ausgeplündert, wobei viele Marktstände, die den Krieg bis dahin unbeschädigt überstanden hatten, zerstört werden. Es gibt zahlreiche Verletzte als Folge der Auseinandersetzungen um die Lebensmittel - aber keine Polizei und keine Rettung.

o In den Straßen liegen viele Pferdekadaver, vor allem von Pferden der Roten Armee. Zivilisten holen sich das Fleisch von den Kadavern.

o In den frühen Morgenstunden des 11. April setzen Rotarmisten an einigen Stellen über den Donaukanal und bilden Brückenköpfe. Nach Einbruch der Dunkelheit wird am Abend der Donaukanal in breiter Front übersetzt, Panzer und Infanterie besetzen noch in der Nacht den Großteil des 2. und 20. Bezirkes.

o Untertags wird zwar viel geschossen, es gibt aber keine militärischen Aktionen. SS-Einheiten kontrollieren Häuser im 2. und 20. Bezirk. In den Kellern der Häuser Förstergasse 5 und 7 entdecken sie unter den Zivilisten, die dort das Ende der Kämpfe abwarten, einige Juden, die der Deportation entgangen sind. Fünf Frauen und vier Männer werden von den SS-Leuten auf die Straße getrieben, mit Gewehrkolben, Bajonetten und Fußtritten schwer misshandelt und dann erschossen. Die Leichen werden in einen Bombentrichter geworfen. Die Opfer sind Primaria Dr. Grete Blum (50), Erna Langer-Klüger (81), Grete Langer-Klüger (43), Mizzi Margolin (47), Gena Schaier (46), Arthur Holtzer (59), Arthur Klein (50), Kurt Mezey (20) und Emil Pfeiffer (67). Noch am gleichen Tag erreichen sowjetische Soldaten die Förstergasse. Mitbewohner der ermordeten Juden bergen die Leichen und bestatten sie provisorisch beim Donaukanal.

Donnerstag, der 12. April 1945

o Die deutschen Truppen werden vom Donaukanal zurückgedrängt und halten abends am rechten Donauufer nur mehr den Bereich zwischen Friedrich-Engels-Platz und Nordwestbahnhof. Die Sprengung der Reichsbrücke wird befohlen. Als Folge dieses Befehls kommt es um die Brücke zu nicht mehr völlig rekonstruierbaren Geschehnissen. Offenbar wurden die vorbereiteten Sprengladungen von Widerstandskämpfern beseitigt. Als daraufhin neuerlich Sprengladungen angebracht wurden, sind auch diese im Schutze der Dunkelheit unschädlich gemacht worden. In der Nacht zum 13. April wurde von Booten der sowjetischen Donauflotte aus die Brücke besetzt. So blieb die Reichsbrücke als einzige Donaubrücke zwischen Linz und Budapest erhalten. Sie war für die Versorgung Wiens und den Beginn des Wiederaufbaus von gar nicht zu überschätzender Bedeutung.

o Von Floridsdorf aus beschoss deutsche Artillerie die Bezirke zwischen Donaukanal und Gürtel. Dabei wurde auch der Stephansdom mehrmals getroffen, um etwa 10 Uhr kommt es dadurch zum Großbrand. Binnen kurzer Zeit steht der mächtige Dachstuhl in Flammen. Am Nachmittag beginnt der Glockenstuhl des Hauptturms zu brennen, in der Gluthitze zerspringt die Pummerin.

o Überall in Wien geschieht etwas, was Renner später als "historisches Phänomen" bezeichnet hat: Obwohl es keine Verbindungen gibt, kein Telefon, keine Post, keinen Verkehr, kommen in den Bezirken und in Bezirksteilen Menschen zusammen und beginnen mit dem Aufbau demokratischer Strukturen. Was sich überall im örtlichen Rahmen abspielt, geschieht auch zentral: Führende Vertreter der einstigen politischen Parteien kommen zusammen. Für die Sozialdemokraten und deren illegale Nachfolgeorganisation, die Revolutionären Sozialisten, ist es selbstverständlich, ins Rathaus zu kommen. Die ehemaligen Christlichsozialen finden nach einigem Suchen im Schottenstift auf der Freyung einen zentralen Treffpunkt. Sie haben sich schon bei privaten Gesprächen während des Krieges darauf geeinigt, nicht den alten Parteinamen wieder aufleben zu lassen, sondern durch den neuen Namen "Österreichische Volkspartei" das Zeichen eines Neubeginns zu setzen.

o In den USA stirbt überraschend Präsident Franklin Delano Roosevelt. Roosevelt gilt als Schöpfer des engen Bündnisses der Alliierten im Kampf gegen die faschistischen Mächte Deutschland, Italien und Japan. Vizepräsident Harry S. Truman wird als sein Nachfolger angelobt.

Freitag, der 13. April 1945

o Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet nur lakonisch: "In Wien dauern die schweren Straßenkämpfe an." Das sowjetische Oberkommando veröffentlichte nachmittags folgende Sondermeldung: "Am 13. April nahmen die Truppen der 2. Ukrainischen Front nach heftigen Kämpfen die Hauptstadt Österreichs, Wien, einen strategisch wichtigen Verteidigungsknotenpunkt der Deutschen, der den Weg nach Süddeutschland versperrte. In den Kämpfen um die Anmarschwege nach Wien und um Wien selbst zerschlugen die Truppen der Front vom 16. März bis 13. April elf deutsche Panzerdivisionen, darunter die 6. SS-Panzerarmee, nahmen über 130.000 Soldaten und Offiziere gefangen, vernichteten bzw. erbeuteten 1.345 Panzer und Sturmgeschütze, 2.250 Feldgeschütze sowie viel sonstiges Kriegsgerät. Auf Befehl des Obersten Befehlshabers der Roten Armee, Marschall der Sowjetunion J. Stalin, grüßte Moskau die heldenhaften Truppen der 3. Ukrainischen Front, die Wien genommen haben, mit einem Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen." In einem deutschsprachigen Kommentar von Radio Moskau heißt es: "Die Bevölkerung Wiens und anderer Teile Österreichs hat der Roten Armee Unterstützung gewährt und die Deutschen daran gehindert, die Kämpfe zum Stehen zu bringen... Sie haben die Ehre der österreichischen Nation gerettet."

o Sowjetische Truppen setzen bei Klosterneuburg über die Donau und dringen in Korneuburg ein. Daraufhin kommt es zum fluchtartigen Rückzug der deutschen Truppen aus dem Brückenkopf vor der Floridsdorfer Brücke und aus Floridsdorf, um der Einkesselung zu entgehen. Die Floridsdorfer Brücke wird gesprengt. Im Tagesbericht der Heeresgruppe Süd wird kurz festgestellt: "Die 6. Panzerdivision wurde fast völlig aufgerieben".

o Sowjetische Offiziere suchen in Wien verschiedene Persönlichkeiten, die als führende Funktionäre bei der Neugründung des Österreichischen Staates geeignet erscheinen. Unter ihnen sind die späteren Vorsitzenden der beiden großen demokratischen Parteien, Ing. Leopold Figl und Dr. Adolf Schärf. Sie werden mit Autos zu den zentralen Treffpunkten gebracht.

o In den Roten Salon des Rathauses, wo immer mehr Sozialisten eintreffen, kommen auch Vertreter der Volkspartei zu einem ersten Kontaktgespräch.

o Im Palais Auersperg tagen nach wie vor die Vertreter der Widerstandsgruppen, die sich in der O 5 zusammengeschlossen haben. Sie haben mit Zustimmung der sowjetischen Ortskommandantur den Kommunisten Rudolf Prikryl zum Bürgermeister ernannt. Er sitzt in einem kleinen Zimmer des Rathauses und gibt so gut wie jedem, der zu ihm kommt, eine gestempelte Vollmacht. Das wurde später als äußerst wertvoll beurteilt, weil diese Vollmachten von den sowjetischen Stellen anerkannt wurden und viele Aktivitäten ermöglichten, von Aufräumungsarbeiten in Betrieben bis zur Einrichtung von Notspitälern.

o In der Wohnung des Bauarbeiter-Funktionärs Jose Battisti, 7., Kenyongasse 3, kommen sozialdemokratische Gewerkschafter zusammen. Sie beschließen die Orientierung auf Bildung eines einheitlichen Gewerkschaftsbundes. Noch am gleichen Tag wird mit christlichen und kommunistischen Gewerkschaftlern Kontakt aufgenommen.

(Schluss) red

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