TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 9. April 2015 von Alois Vahrner "Griechischer Irrlauf in den Kreml"

Innsbruck (OTS) - Die gestrige Reise des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zu Russlands Präsident Wladimir Putin war eher eine Provokation gegenüber der EU denn ein Schritt zur Lösung der Finanzmisere - ein Polit-Poker mit schwachen Karten.

Dass mit Tsipras gestern ein EU-Regierungschef, wenn auch ein sehr umstrittener, trotz der politischen Spannungen mit dem Westen wegen des Ukraine-Konflikts hilfesuchend nach Moskau gereist ist, kostete Putin natürlich in vollen Zügen aus. "Zar" Wladimir betonte mit Blick auf das bevorstehende Osterfest der orthodoxen Christen an diesem Wochenende jedenfalls überschwänglich die gemeinsamen "geistigen Wurzeln" von Russen und Griechen. Zudem habe man zusammen gegen die Faschisten im Zweiten Weltkrieg gekämpft, so Putin.
Russland könnte es nur recht sein, wenn es gelänge, einen echten Keil in den ohnehin etwas fragilen Sanktions-Kurs der EU wegen der Eskalation in der Ostukraine zu treiben. Um das zu erreichen, wäre auch das bankrottreife Griechenland Mittel zum Zweck, zumal etwa eine Verlängerung der EU-Sanktionen an der Einstimmigkeit der 28 EU-Länder hängt. Diesen politischen Triumph würde sich Russland wohl auch etwas kosten lassen, auch wenn gestern im Kreml angeblich nicht über russische Finanzhilfen für Athen gesprochen wurde. Moskau stellte die Lockerung des Embargos für griechische Agrarprodukte in Aussicht. Auch der griechische Tourismus hängt (vergleichbar mit Österreich, das ja bei den Sanktionen auch sehr zurückhaltend agiert) stark an kaufkräftigen russischen Urlaubern. Zum Nulltarif gibt es in der Politik aber gar nichts und so sind auch Moskaus Wünsche nach einem Einstieg bei griechischen Staatsfirmen, der Eisenbahn oder bei Häfen zu verstehen. Aussichten, die den Verantwortlichen in der EU-Kommission und den meisten EU-Ländern wohl die Haare zu Berge stehen lassen. Mit Trojanischen Pferden (in diesem Fall für mehr Polit-Einfluss) sollte sich aber gerade Griechenland selbst am besten auskennen.
So logisch Putins Kurs aus dessen Sicht ist, so sehr droht sich Griechenland zum wiederholten Male einen Bärendienst zu erweisen. Das Vertrauen der EU-Partner in Tsipras, Finanzminister Varoufakis & Co. ist, einmal sehr vornehm ausgedrückt, sehr enden wollend. Seit die neue griechische Links-Rechts-Regierung im Amt ist, gibt es eine Mischung aus Provokationen, Kraftsprüchen, Halb-Rückziehern und ständig neuen Hakenschlägen. Es ist ein versuchter Polit-Poker, allerdings, mit Blick auf die katastrophalen Staatsfinanzen, einer mit denkbar schlechten Karten. Russland kann und wird Athens Misere ganz sicher nicht lösen, da werden die Griechen an der EU nicht vorbeikommen. Der Weg zur Vernunft ist freilich zuweilen ein langer.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001