- 08.04.2015, 11:30:16
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Armut darf nicht krank machen - Krankheit darf nicht in die Armut führen!
Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit präsentierte ihren sechsten Jahresbericht und das Jahresthema "Armut und Gesundheit"
Utl.: Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit
präsentierte ihren sechsten Jahresbericht und das Jahresthema
"Armut und Gesundheit" =
Wien (OTS) - Am 8.4.2015 präsentierte die Österreichische Liga für
Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) ihren sechsten Bericht zur
Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich. Schwerpunktthema
2015 ist "Armut und Gesundheit - gesundheitliche Chancengerechtigkeit
für Kinder und Jugendliche in Österreich". Bei der Pressekonferenz am
in Wien zog Prim. Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Kinderliga, Bilanz,
was sich im letzten Jahr im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit
getan hat und wo es noch notwendige Schritte braucht, um das
ambitionierte Ziel, Europameister in Kinder- und Jugendgesundheit zu
werden, das sich die Gesundheitsministerin und der Sportminister
gesetzt haben, zu erreichen. Manches ist auf einem guten Weg, wie die
gelungenen Pilotprojekte von Kinderliga und Gebietskrankenkassen im
Bereich der Frühen Hilfen, für die sich die Kinderliga möglichst
rasch ein flächendeckendes Angebot wünscht.
Ebenso begrüßt die Kinderliga die derzeit geführte Debatte rund um
das Rauchen, die Kinderliga plädiert für einen umfassenden Schutz für
Kinder vor dem Rauch der Erwachsenen.
Auch die aktuell beschlossene Einrichtung von
Primärversorgungszentren begrüßt Vavrik, merkt jedoch kritisch an,
dass für Kinder und Jugendliche bis dato keine eigenen Einrichtungen
vorgesehen sind. Die Kinderliga erachtet es daher als unbedingt
notwendig, dass in ausreichender guter Qualität auch spezialisierte
Stellen mit umfassender "Kinder-Kompetenz" geschaffen werden.
Beim Spezialthema "Kinder-Rehabilitation" appelliert die Kinderliga,
dass die Standortfrage zügig und vorrangig nach qualitativen Aspekten
für die betroffenen Kinder entschieden und umgesetzt wird. "Kinder
sind keine "kleinen Erwachsenen. Es muss in allen
Gesundheitsbereichen auch qualitativ ein Angebot geben, das ihnen und
ihren Bedürfnissen gut gerecht werden kann", lautet Vavriks Appell.
Hilfreich dafür wäre eine Stärkung der Elternschaft und entsprechende
Angebote für ihre Erziehungs- und Gesundheitskompetenz sowie eine
systematische Mitbetreuung der Eltern in der Behandlung ihrer Kinder.
In einigen Bereichen, wie der gerade aktuell aufflammenden Debatte
über Selbstbehalte oder Zuzahlungen formuliert die Kinderliga einen
klaren Appell: Im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit sollten
jegliche Selbstbehalte aufgehoben werden, weil sie kontraproduktiv
wirken! Selbstbehalte sind eine finanzielle Hürde im Zugang zu einer
Gesundheitsleistung und gerade für finanziell benachteiligte Familien
oder junge Menschen oft nicht leistbar. Vavrik präzisiert: "Die
Betonung der Eigenverantwortlichkeit in dieser Diskussion ist für
Kinder nicht zutreffend."
Auch auf anderen Arbeitsebenen sieht die Kinderliga noch
Handlungsbedarf, wie bei der Erfassung und Vernetzung von relevanten
Gesundheitsdaten, die trotz mehrfachem Appell noch immer deutlich
verbesserungswürdig ist. Und neuerlich wird die Einrichtung einer
gemischt aus Expertinnen und Experten sowie Abgeordneten
zusammengesetzten "Parlamentarischen Kinderkommission" empfohlen, um
Kindern auch auf der parlamentarischen Ebene eine "starke Stimme" zu
geben.
"Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, ist auf die
Gesundheit ihrer Kinder und Jugendlichen dringend angewiesen.
Bestmögliche Förderung der körperlichen, seelischen und sozialen
Gesundheit von Anfang an gehört zu den Grundrechten aller Kinder.
Erst wenn wir all diese Punkte beachtet und die Etappenziele erreicht
haben, sind wir auf einem guten Weg Europameister in Sachen Kinder-
und Jugendgesundheit zu werden", so Vavrik.
- Schwerpunktthema 2015: Armut und Gesundheit - gesundheitliche
Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche
Für das aktuelle Jahresthema der Kinderliga konnte die
Armutskonferenz als Kooperationspartner gewonnen werden. Mag. Martin
Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich und
Mitbegründer der Armutskonferenz, nannte im Zuge der Pressekonferenz
alarmierende Zahlen und Fakten zu Kinderarmut und Gesundheit in
Österreich:
• 124.000 Kinder und Jugendliche in Österreich leben in manifester
Armut, weitere rund 150.000 sind von Armut bedroht.
• 30.000 Kinder und Jugendliche sind auf Unterstützung der
Jugendhilfe angewiesen.
• Mehr als 8.000 Jugendliche brechen jedes Jahr vorzeitig die Schule
ab.
• 78.000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sind weder
beschäftigt noch in Ausbildung (NEET).
• Um die 60.000 Minderjährige verbringen ihre Tage unter
Mindestsicherungsbedingungen.
Der Appell der Kinderliga lautet daher:
Armut darf Kinder nicht krank machen!
• Es braucht eine Form der direkten finanziellen Sicherung für
Kinder, wo alle Transferleistungen und Zuschüsse gebündelt dem Kind
zugeordnet und gewidmet sind, um einen armutsfreien Lebensstandard zu
gewährleisten.
• Auch für Kinder in Armut müssen die notwendigen Rahmenbedingungen
für ein gesundes Aufwachsen garantiert sein.
Krankheit darf Kinder nicht in die Armut führen!
• Alle notwendigen Therapien und Heilbehelfe müssen kassenfinanziert
sein.
• Selbstbehalte für Therapien und Heilbehelfe für Kinder müssen
abgeschafft werden.
Neben einem geringen Einkommen des Haushalts, in dem Kinder in Armut
leben, treten schwierigste Lebensbedingungen auf, die Schenk
anschaulich schildert: die Wohnung nicht warm halten können, keine
unerwarteten Ausgaben für kaputte Waschmaschine oder Boiler tätigen
können, gesundheitliche Probleme oder feuchte schimmlige Wände. Die
Eltern sind erwerbslos, allein erziehend, psychisch bzw. physisch
beeinträchtigt, oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Je
früher, je schutzloserund je länger Kinder der Armutssituation
ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.
Mit sinkendem sozialem Status steigen die Krankheiten an. Die
untersten sozialen Schichten weisen die schwersten Krankheiten auf
und sind gleichzeitig mit der geringsten Lebenserwartung
ausgestattet. Als Ursachen und Faktoren nennt Schenk: Gesundheitliche
Belastungen, fehlende Bewältigungsressourcen, nicht leistbare
gesundheitliche Versorgung (z.B.Selbstbehalte).
Laut Schenk muss jede Strategie gegen Kinderarmut auch eine Strategie
für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein. Auch für
Kinderliga-Präsident Klaus Vavrik ist die gesundheitliche
Chancengerechtigkeit von Beginn des Lebens an eine der wichtigsten
Ressourcen, die die Gesellschaft Kindern mit auf ihren Lebensweg
geben kann.
- Wo werden Familien und Menschen ohne Versicherungsschutz behandelt?
In Österreich gibt es ambulant-medizinische Versorgungszentren, wo
sich Menschen ohne Versicherungsschutz hinwenden können. Eines davon
ist AmberMed in Wien, wo Hilfesuchende neben der medizinischen
Versorgung auch soziale Beratung und Medikamentenhilfe erhalten. Die
Leiterin von AmberMed, Carina Spak, betreut mit ihrem Team an
Freiwilligen (ÄrztInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und
Zivildienern) Kinder und Erwachsene, die durch die Maschen des
Sozialnetzes fallen.
Spak berichtet, dass Kinder, die besonders von Armut betroffen sind,
von Armut betroffene Eltern haben, Kinder von Erwachsenen sind, die
sich illegal im Land aufhalten, Kinder von Mehrkindfamilien sind oder
auch Kinder von AlleinerzieherInnen. "Kinder, die keine Schule
besuchen, fallen ganz aus dem sozialen Netzwerk, sie schlagen die
Zeit tot, können oft nicht schreiben und lesen. Wie sollen diese
Kinder später in Österreich auf dem Arbeitsmarkt zurechtkommen? Die
Zukunftsperspektiven sind für solche Kinder besonders trüb", gibt
Spak zu bedenken.
"Kinder sind unsere Zukunft. Es ist besonders wichtig, behutsam mit
ihnen umzugehen und ihnen eine gesunde, glückliche Kindheit zu
ermöglichen", so Spak. Kinderliga-Präsident Vavrik schließt sich dem
an: "Die armen Kinder von heute sind die chronisch kranken
Erwachsenen von morgen!"
Elektronische Pressemappe mit der Langversion des Pressetextes sowie
allen Podiumsbeiträgen: www.kinderjugendgesundheit.at
Audiomitschnitt der gesamten Pressekonferenz: www.o-ton.at.
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