Armut darf nicht krank machen - Krankheit darf nicht in die Armut führen!

Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit präsentierte ihren sechsten Jahresbericht und das Jahresthema "Armut und Gesundheit"

Wien (OTS) - Am 8.4.2015 präsentierte die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) ihren sechsten Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich. Schwerpunktthema 2015 ist "Armut und Gesundheit - gesundheitliche Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche in Österreich". Bei der Pressekonferenz am in Wien zog Prim. Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Kinderliga, Bilanz, was sich im letzten Jahr im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit getan hat und wo es noch notwendige Schritte braucht, um das ambitionierte Ziel, Europameister in Kinder- und Jugendgesundheit zu werden, das sich die Gesundheitsministerin und der Sportminister gesetzt haben, zu erreichen. Manches ist auf einem guten Weg, wie die gelungenen Pilotprojekte von Kinderliga und Gebietskrankenkassen im Bereich der Frühen Hilfen, für die sich die Kinderliga möglichst rasch ein flächendeckendes Angebot wünscht.

Ebenso begrüßt die Kinderliga die derzeit geführte Debatte rund um das Rauchen, die Kinderliga plädiert für einen umfassenden Schutz für Kinder vor dem Rauch der Erwachsenen.

Auch die aktuell beschlossene Einrichtung von Primärversorgungszentren begrüßt Vavrik, merkt jedoch kritisch an, dass für Kinder und Jugendliche bis dato keine eigenen Einrichtungen vorgesehen sind. Die Kinderliga erachtet es daher als unbedingt notwendig, dass in ausreichender guter Qualität auch spezialisierte Stellen mit umfassender "Kinder-Kompetenz" geschaffen werden.

Beim Spezialthema "Kinder-Rehabilitation" appelliert die Kinderliga, dass die Standortfrage zügig und vorrangig nach qualitativen Aspekten für die betroffenen Kinder entschieden und umgesetzt wird. "Kinder sind keine "kleinen Erwachsenen. Es muss in allen Gesundheitsbereichen auch qualitativ ein Angebot geben, das ihnen und ihren Bedürfnissen gut gerecht werden kann", lautet Vavriks Appell. Hilfreich dafür wäre eine Stärkung der Elternschaft und entsprechende Angebote für ihre Erziehungs- und Gesundheitskompetenz sowie eine systematische Mitbetreuung der Eltern in der Behandlung ihrer Kinder.

In einigen Bereichen, wie der gerade aktuell aufflammenden Debatte über Selbstbehalte oder Zuzahlungen formuliert die Kinderliga einen klaren Appell: Im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit sollten jegliche Selbstbehalte aufgehoben werden, weil sie kontraproduktiv wirken! Selbstbehalte sind eine finanzielle Hürde im Zugang zu einer Gesundheitsleistung und gerade für finanziell benachteiligte Familien oder junge Menschen oft nicht leistbar. Vavrik präzisiert: "Die Betonung der Eigenverantwortlichkeit in dieser Diskussion ist für Kinder nicht zutreffend."

Auch auf anderen Arbeitsebenen sieht die Kinderliga noch Handlungsbedarf, wie bei der Erfassung und Vernetzung von relevanten Gesundheitsdaten, die trotz mehrfachem Appell noch immer deutlich verbesserungswürdig ist. Und neuerlich wird die Einrichtung einer gemischt aus Expertinnen und Experten sowie Abgeordneten zusammengesetzten "Parlamentarischen Kinderkommission" empfohlen, um Kindern auch auf der parlamentarischen Ebene eine "starke Stimme" zu geben.

"Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, ist auf die Gesundheit ihrer Kinder und Jugendlichen dringend angewiesen. Bestmögliche Förderung der körperlichen, seelischen und sozialen Gesundheit von Anfang an gehört zu den Grundrechten aller Kinder. Erst wenn wir all diese Punkte beachtet und die Etappenziele erreicht haben, sind wir auf einem guten Weg Europameister in Sachen Kinder-und Jugendgesundheit zu werden", so Vavrik.

- Schwerpunktthema 2015: Armut und Gesundheit - gesundheitliche Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche

Für das aktuelle Jahresthema der Kinderliga konnte die Armutskonferenz als Kooperationspartner gewonnen werden. Mag. Martin Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich und Mitbegründer der Armutskonferenz, nannte im Zuge der Pressekonferenz alarmierende Zahlen und Fakten zu Kinderarmut und Gesundheit in Österreich:

  • 124.000 Kinder und Jugendliche in Österreich leben in manifester Armut, weitere rund 150.000 sind von Armut bedroht.
  • 30.000 Kinder und Jugendliche sind auf Unterstützung der Jugendhilfe angewiesen.
  • Mehr als 8.000 Jugendliche brechen jedes Jahr vorzeitig die Schule ab.
  • 78.000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sind weder beschäftigt noch in Ausbildung (NEET).
  • Um die 60.000 Minderjährige verbringen ihre Tage unter Mindestsicherungsbedingungen.

Der Appell der Kinderliga lautet daher:
Armut darf Kinder nicht krank machen!

  • Es braucht eine Form der direkten finanziellen Sicherung für Kinder, wo alle Transferleistungen und Zuschüsse gebündelt dem Kind zugeordnet und gewidmet sind, um einen armutsfreien Lebensstandard zu gewährleisten.
  • Auch für Kinder in Armut müssen die notwendigen Rahmenbedingungen für ein gesundes Aufwachsen garantiert sein.

Krankheit darf Kinder nicht in die Armut führen!

  • Alle notwendigen Therapien und Heilbehelfe müssen kassenfinanziert sein.
  • Selbstbehalte für Therapien und Heilbehelfe für Kinder müssen abgeschafft werden.

Neben einem geringen Einkommen des Haushalts, in dem Kinder in Armut leben, treten schwierigste Lebensbedingungen auf, die Schenk anschaulich schildert: die Wohnung nicht warm halten können, keine unerwarteten Ausgaben für kaputte Waschmaschine oder Boiler tätigen können, gesundheitliche Probleme oder feuchte schimmlige Wände. Die Eltern sind erwerbslos, allein erziehend, psychisch bzw. physisch beeinträchtigt, oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Je früher, je schutzloserund je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.

Mit sinkendem sozialem Status steigen die Krankheiten an. Die untersten sozialen Schichten weisen die schwersten Krankheiten auf und sind gleichzeitig mit der geringsten Lebenserwartung ausgestattet. Als Ursachen und Faktoren nennt Schenk: Gesundheitliche Belastungen, fehlende Bewältigungsressourcen, nicht leistbare gesundheitliche Versorgung (z.B.Selbstbehalte).

Laut Schenk muss jede Strategie gegen Kinderarmut auch eine Strategie für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein. Auch für Kinderliga-Präsident Klaus Vavrik ist die gesundheitliche Chancengerechtigkeit von Beginn des Lebens an eine der wichtigsten Ressourcen, die die Gesellschaft Kindern mit auf ihren Lebensweg geben kann.

- Wo werden Familien und Menschen ohne Versicherungsschutz behandelt?

In Österreich gibt es ambulant-medizinische Versorgungszentren, wo sich Menschen ohne Versicherungsschutz hinwenden können. Eines davon ist AmberMed in Wien, wo Hilfesuchende neben der medizinischen Versorgung auch soziale Beratung und Medikamentenhilfe erhalten. Die Leiterin von AmberMed, Carina Spak, betreut mit ihrem Team an Freiwilligen (ÄrztInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und Zivildienern) Kinder und Erwachsene, die durch die Maschen des Sozialnetzes fallen.

Spak berichtet, dass Kinder, die besonders von Armut betroffen sind, von Armut betroffene Eltern haben, Kinder von Erwachsenen sind, die sich illegal im Land aufhalten, Kinder von Mehrkindfamilien sind oder auch Kinder von AlleinerzieherInnen. "Kinder, die keine Schule besuchen, fallen ganz aus dem sozialen Netzwerk, sie schlagen die Zeit tot, können oft nicht schreiben und lesen. Wie sollen diese Kinder später in Österreich auf dem Arbeitsmarkt zurechtkommen? Die Zukunftsperspektiven sind für solche Kinder besonders trüb", gibt Spak zu bedenken.

"Kinder sind unsere Zukunft. Es ist besonders wichtig, behutsam mit ihnen umzugehen und ihnen eine gesunde, glückliche Kindheit zu ermöglichen", so Spak. Kinderliga-Präsident Vavrik schließt sich dem an: "Die armen Kinder von heute sind die chronisch kranken Erwachsenen von morgen!"

Elektronische Pressemappe mit der Langversion des Pressetextes sowie allen Podiumsbeiträgen: www.kinderjugendgesundheit.at Audiomitschnitt der gesamten Pressekonferenz: www.o-ton.at.

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Verena Bittner
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