Morgen vor 70 Jahren: 9. April 1945

Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse dieser Tage vor 70 Jahren.

Montag, der 9. April 1945

o Die deutschen Truppen räumen, bis auf einzelne kleine Kampfgruppen, fluchtartig die Bezirke zwischen Gürtel und Donaukanal. Die sowjetischen Truppen rücken nur sehr langsam und vorsichtig nach, weil sie Hinterhalte befürchten. Haus um Haus wird überprüft. Noch viele Jahre später sieht man an Hausfassaden in zyrillischer Schrift die Worte "Kwartal prowiereno" (Häuserblock überprüft). Bei diesen Überprüfungen kommt es zu ersten Vergewaltigungen und Plünderungen durch sowjetische Soldaten.

o Der Bereich zwischen Gürtel und Donaukanal wird nun von beiden Seiten beschossen. Viele Wohnhäuser werden durch Granattreffer beschädigt, viele Wohnungen zerstört. Neue Brände werden durch die Beschießung ausgelöst. Der Stephansdom wird mehrmals von Granaten getroffen, vor allem von deutschen Granaten, die aus dem Raum Floridsdorf abgefeuert wurden; aus den kleinen Einzelbränden im Dom wird ein Großbrand. In Flammen stehen auch der Naschmarkt, das Parlament, das Burgtheater und viele Gebäude entlang der Zweierlinie.

o Im Palais Auersperg sammeln sich Vertreter des österreichischen Widerstandes aller politischen Gruppen, überwiegend Vertreter des bürgerlichen und des katholischen Lagers sowie Monarchisten, aber auch einige Sozialisten, unter ihnen Felix Slavik, und Kommunisten. Sie nennen sich "O 5". Dieses Zeichen wurde schon einige Tage vorher in die Mauer des Stephansdoms neben dem Riesentor eingeritzt. Seine Bedeutung ist unklar. Es gibt die Behauptung, dass "5" für den fünften Buchstaben des Alphabets, das E, stünde; O 5 bedeute also eigentlich OE für Österreich. Es ist unwahrscheinlich, dass eine so komplizierte und für fast alle Menschen unverständliche Losung gewählt wurde. Plausibler erscheint die zweite Deutung, dass für einen Zusammenschluss von fünf Widerstandsgruppen der Titel "O 5" gewählt wurde. Ebenso denkbar erscheint die politische Erklärung, "O 5" stehe für den Zusammenschluss der fünf politischen Richtungen Monarchisten, Katholiken, Liberale, Sozialisten und Kommunisten. Im Palais Auersperg wurde vorerst darüber diskutiert, wie man eine funktionierende staatliche Ordnung wiederherstellen und ein neues Österreich begründen könne. Reichsleiter Baldur von Schirach befiehlt nochmals den Kampf bis zum letzten Mann und verlässt fluchtartig die Hofburg, die sein Hauptquartier war.

(Schluss) red

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