TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 3. April 2015 von Christian Jentsch - Neue Chancen und unheilige Allianzen

Innsbruck (OTS) - Während in den Atomverhandlungen mit dem Iran gestern ein Durchbruch erzielt werden konnte, drohen im Nahen Osten die Säulen der etablierten Ordnung einzustürzen. Die Saudis versuchen, ihre Vormachtstellung zu verteidigen.
In Lausanne hoffte die Welt auf den großen Deal. Und im Atompoker der Internationalen Gemeinschaft mit dem Iran konnte man sich gestern Abend offenbar tatsächlich auf die wesentlichen Eckpunkte
einer Lösung einigen. Beide Seiten sprachen von einem Durchbruch. Der Westen will verhindern, dass der Iran zu einer Atommacht
aufsteigt. Teheran will die lähmenden Wirtschaftssanktionen loswerden. Vordergründig dreht sich alles um die Atomfrage. Doch hinter den Verhandlungen steckt weit mehr:
Es geht schlicht und einfach um die Neuordnung des Nahen Ostens -einer Region, in der kein Stein auf dem anderen zu bleiben droht. Einer Region, die im Blut brutaler Bürgerkriege versinkt und einer Region, die
anderen dank gewaltiger Gas- und Ölvorräte unendlichen Reichtum beschert. Es geht um eine Neuverteilung der Macht, um unheilige Allianzen, um geostrategische Partnerschaften, um Stellvertreterkriege, bei denen Menschenleben keine Rolle spielen. Von der Arabischen Revolution - der erhofften Zeitenwende - blieb nur ein fernes Echo. Die alte Garde hat wieder die Zügel in der Hand. Mitten in dieser Zeit der Unsicherheit und Verwerfungen will Teheran zurück auf die Weltbühne. Auf dem Weg in eine neue Zukunft - das Land sitzt auf gewaltigen Öl- und Gasressourcen, auf welche es auch der Westen abgesehen hat - versucht Irans neuer Präsident Hassan Rohani den Konfrontationskurs zu verlassen. Beim Kampf gegen die Terrormiliz IS im Irak macht man sogar gemeinsame Sache mit den USA - auch wenn beide Seiten davon offiziell nichts wissen wollen. Doch die konservativen Kräfte im Iran sägen bereits kräftig an Rohanis Stuhl und vergraben sich weiter in alter Feindschaft zum Westen - übrigens ganz im Gegensatz zur stark wachsenden jungen städtischen Bevölkerung.
Aber nicht nur die Hardliner im Iran versuchen eine Annäherung zu verhindern. Auch das erzkonservative sunnitische saudische Herrscherhaus, das die größten Ölfelder der Welt kontrolliert, will ein Erstarken des schiitischen Iran um jeden Preis verhindern. Die Saudis wollen in der Region die erste Geige spielen, das demonstrieren sie gerade mit ihrem Militäreinsatz im Jemen. Nach Syrien, dem Irak und dem Libanon soll dem Iran kein neues Spielfeld überlassen werden. Dass im Kräftemessen auch Monster wie der IS von der Kette gelassen werden, zeigt die Brisanz.
Andererseits warnt auch Israels Regierung eindringlich vor einem Deal mit Teheran - im Gleichklang mit den US-Republikanern, die alles tun würden, um Präsident Barack Obama politisch zu schwächen.

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