Morgen vor 70 Jahren: 3. bis 7. April 1945

Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse dieser Tage vor 70 Jahren.

Dienstag, der 3. April 1945

o Unter dem Titel "Die Stunde Wiens gekommen" veröffentlichen die Zeitungen einen Aufruf von Reichsleiter Baldur von Schirach: "Wiener und Wienerinnen! Die Zeit der Bewährung ist gekommen. Der Russe, schon der traditionelle Feind des alten Österreich, nähert sich unserer Stadt. Jeder von uns wird seine Pflicht bis zum Äußersten tun. Aber auch jeder Helfer ist uns willkommen. Heute habe ich die Ehre, meinen alten Freund, den Obergruppenführer Generaloberst der Waffen-SS Sepp Dietrich, bei Ihnen einzuführen, dessen kampferprobte SS-Männer bei uns eingesetzt werden. Er ist Ihnen und allen deutschen Volksgenossen als Führer der SS-Leibstandarte Adolf Hitlers seit langem ein klarer Begriff geworden. Ich bitte Sie, lieber Kamerad Sepp Dietrich, das Wort zu ergreifen".

o SS-Obergruppenführer Generaloberst der Waffen-SS Sepp Dietrich:
"Wiener und Wienerinnen! Ich bin kein Mann der großen Worte und der geschliffenen Rede. Überdies zählen heute Taten viel, Worte wenig. Wenn ich mit meinen Männern mich der Verteidigung dieser schönen alten Stadt zugeselle, so geschieht dies mit dem festen und unverbrüchlichen Vorsatz, alles nur menschenmögliche zu tun, dieses Bollwerk des deutschen Südostens unserem deutschen Vaterland zu erhalten. Mehr zu versprechen, wäre verwegen. Der Kampf wird hart, der Erfolg schwer. Sie, meine Wiener und Wienerinnen, kennen den Feind aus früheren Generationen Ihrer Geschichte. Sie kennen aber auch die europäische Aufgabe, der sich Wien niemals entzogen hat. Halten wir zusammen, kämpfen wir zusammen. Es geht nicht um uns, es geht nicht um die Partei, es geht um unser Land. Heil unserem Führer!"

Mittwoch, der 4. April 1945

o Oberfeldwebel Käs erreicht das sowjetische Kommando in Hochwolkersdorf und kann dort ein Abkommen vereinbaren. Die Rote Armee garantiert, bei der Eroberung Wiens möglichst schonend vorzugehen, die Stadt nicht zu bombardieren und die Wasserleitung nach Wien zu schützen. Käs verspricht namens der Freiheitskämpfer, den Kampf der Roten Armee zu unterstützen. Mit Leuchtsignalen soll der Beginn der aktiven Widerstandsaktionen in Wien mit dem Vordringen der Roten Armee koordiniert werden.

o Auch der einstige Staatskanzler und Parlamentspräsident Dr. Karl Renner, der in Gloggnitz gelebt hat, nimmt mit der sowjetischen Kommandantur in Hochwolkersdorf Kontakt auf. Er bittet vor allem um Schonung der Zivilbevölkerung und bietet an, bei der Wiederherstellung eines demokratischen und selbständigen Österreich zu helfen. Sein Angebot wird nach Moskau weitergeleitet und dort offenbar Stalin persönlich vorgelegt.

o Die Wiener Zeitungen berichten von all dem natürlich nichts. Sie melden dafür, dass zu Ostern nur ein einziges Fußballspiel stattfinden konnte, WAC gegen Austria. "Die Austria erlitt eine hohe Niederlage, aber dass das Spiel stattfand und dass der Fußballbetrieb auch in schwerster Zeit, wenn auch in bescheidenem Ausmaß, weiterging, ist wesentlich. dass dabei sonderbare Spielresultate herauskommen, lässt sich nicht vermeiden und ist, wie gesagt, ganz unwesentlich."

o Die Zahnsanierung und Röntgenuntersuchung des Geburtsjahrganges 1930 für Jungen, die von 4. April bis 4. Mai stattfinden sollte, fällt hingegen "aus technischen Gründen" aus.

Donnerstag, der 5. April 1945

o Oberfeldwebel Käs und Obergefreiter Reif kommen, nach neuerlicher abenteuerlicher Fahrt durch den Frontbereich, nach Wien zurück und informieren die Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII über die Vereinbarungen mit dem sowjetischen Oberkommando.

o In ganz Wien hört man jetzt schon den Kanonendonner, die Flakstellungen in der Stadt greifen in die Erdkämpfe ein. Die Rote Armee erreicht den westlichen Stadtrand, Tullnerbach, Preßbaum und der Lainzer Tiergarten werden praktisch kampflos besetzt. Das deutsche Kommando erfasst erst jetzt, dass der Hauptstoß gegen Wien nicht vom Süden erfolgt, wo starke Verteidigungsstellungen aufgebaut wurden. Die Zeitungen melden: "Die Sowjets südlich Wien aufgefangen".

o Die Rote Armee erobert Hainburg und Deutsch-Altenburg.

o Zeitungsmitteilung: "Auf den Abschnitt der 4. Reichskleiderkarte für Männer und Frauen sowie auf den Abschnitt der 5. Reichskleiderkarte für Burschen, Maiden, Knaben, Mädchen und Kleinkinder ist vom Einzelhandel nach Maßgabe der vorhandenen Bestände entweder ein Paar Arbeitsschuhe, Gebirgsarbeitsschuhe, Straßenschuhe, leichte Straßenschuhe, Hausschuhe oder Turnschuhe sofort auszugeben. Für den Verbraucher besteht kein Rechtsanspruch auf den Erhalt einer bestimmten Schuhart." Tatsächlich hatten nur mehr wenige Schuhgeschäfte offen und diese hatten zumeist nur Holzschlapfen.

o In verschiedenen Teilen der Stadt werden Vorratslager und Geschäfte von der Zivilbevölkerung geplündert. Ein besonders großes Lebensmittellager im Jesuitenkolleg in Kalksburg wird gestürmt. SS und Polizei werden alarmiert. Auf die Plünderer wird geschossen, es gibt mehrere Tote.

o Das Radio sendet nur mehr Musik, keine Nachrichten und Meldungen.

o Im Chemischen Institut der Wiener Universität zerstört der fanatische Nationalsozialist Prof. Dr. Jörn Lange das Elektronenmikroskop, das einzige Gerät dieser Art in Österreich. Zwei junge Assistenten, Kurt Horeischy und Hans Vollmar, wollen ihn daran hindern. Er erschießt beide. Lange kommt später vor das österreichische Volksgericht, entzieht sich jedoch einer Verurteilung durch Selbstmord.

Freitag, der 6. April 1945

o In weitem Bogen, von Simmering bis Döbling, ist Wien von der Roten Armee umschlossen. Während es in den westlichen Bezirken nur schwachen deutschen Widerstand gibt, kommt es in Favoriten und Simmering, vor allem auf dem Zentralfriedhof, zu härteren und opferreichen Kämpfen.

o Die Zeitungen haben die Schlagzeile: "Durchbruch auf Wien gescheitert".

o Radio Wien wird eingestellt, ein "Kampfsender Prinz Eugen", den die SS betreibt, sendet Musik und den Wehrmachtsbericht. Am späten Nachmittag kommt die Durchsage: "Wien rechts der Donau". Es bedeutet den Befehl, alle kriegswichtigen Anlagen und Einrichtungen in den Bezirken rechts vom Donaukanal zu zerstören und sich auf den Rückzug über den Donaukanal vorzubereiten.

o Eine SS-Einheit kommt ins Simmeringer Gaswerk, um das Werk zu zerstören. Der Gaswerks-Arbeiter Otto Koblicek stellt sich ihnen entgegen. Er wird verprügelt, in den Bauch geschossen und sterbend ins bombenzerstörte Olympia-Kino geschleppt, wo er mit einem Genickschuss getötet wird. Am 12. April wird sein Leichnam gefunden. Inzwischen haben sowjetische Truppen das Gaswerk erreicht, die SS-Männer fliehen, das Gaswerk ist gerettet.

o Hunderte Angehörige der deutschen Wehrmacht, vor allem Wiener, setzen sich von ihren Einheiten ab, werden von der Bevölkerung mit Zivilkleidung versorgt und versteckt.

o An vielen Stellen Wiens versuchen SS und Soldaten, aus Pflastersteinen, Ziegeln und Holz von Bombenruinen, aber auch umgestürzten Straßenbahnwagen Barrikaden zu bauen. In den westlichen Außenbezirken werden solche Barrikaden von der Bevölkerung wieder beseitigt, SS-Leute und kampfbereite Soldaten werden von den Frauen beschimpft, an manchen Stellen mit Steinen beworfen.

o Nur auf der Sophienalpe gibt es noch heftigen Widerstand gegen die sowjetischen Truppen. Hier kämpfen Hitler-Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren, unterstützt von zwölf- und dreizehnjährigen Meldegängern, mit Flakgeschützen, Panzerfäusten und Maschinengewehren noch mehrere Tage lang. Nur wenigen gelingt schließlich die Flucht, sie ziehen noch bis Kriegsende kämpfend durch Niederösterreich.

o Letzter Einsatz deutscher Flieger über Wien. Sie werfen Bomben auf Purkersdorf, wobei die Kirche getroffen wird.

o Die Polizei ist zum Fronteinsatz befohlen, es gibt keine Ordnung und Sicherheit mehr. In der ganzen Stadt werden Geschäfte und Lagerräume von der Bevölkerung aufgebrochen und geplündert. Die dabei erlangten Lebensmittel - vor allem Mehl und Erdäpfeln, aber auch größere Mengen von Hülsenfrüchten, Zucker, Rüben, Zwieback, Sardinendosen, Butterschmalz, Trockengemüse usw. - sichern in den folgenden Wochen das Überleben.

o Ein Leutnant der Heeresstreife verrät die Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando an die SS. Die wichtigste Persönlichkeit der geplanten Aktionen, der Kommandant der Heeresstreife Major Biedermann, wird als erster verhaftet. Der Leiter des Widerstands, Major Szokoll, war unterwegs, erfuhr durch einen Anruf seiner Dienststelle von der Verhaftung Biedermanns und konnte untertauchen. Die vereinbarte Koordination mit der Roten Armee war geplatzt.

Samstag, der 7. April 1945

o Auf persönlichen Befehl Hitlers treffen in Wien die Panzerdivision "Führer" und als neuer Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd Generaloberst Lothar Rendulic ein.

o Zum letzten Mal erscheinen die letzten noch bestehenden Wiener Nazi-Zeitungen, "Völkischer Beobachter" und "Kleine Wiener Kriegszeitung". Sie melden: "Wien im harten Abwehrkampf. Preßburg gefallen". Sie melden nicht, dass die Rote Armee in breiter Front die March überschritten hat und nun auch von Osten gegen Wien vorrückt.

o Im Wiener Landesgericht werden einige politische Häftlinge, entgegen dem Befehl der vorgesetzten Stellen, freigelassen, unter ihnen Paul Hörbiger, die Dichterin Paula v. Preradovic und ihr Mann, der Journalist Ernst Molden. 70 andere Häftlinge werden, zum Teil mit Ketten gefesselt, in einem grauenhaften Fußmarsch ins Zuchthaus Stein getrieben. Dort ist genug Platz: 386 Häftlinge waren am Vortag von einer Wehrmachtseinheit ermordet worden. Die siebzig Häftlinge aus Wien erleiden am 15. April das gleiche Schicksal.

o Die Gasversorgung ist aus Sicherheitsgründen eingestellt, der Großteil Wiens ist ohne Strom, vielfach ist auch die Wasserversorgung unterbrochen. Die Straßenbahn wird eingestellt. In einigen Bezirken funktioniert noch das Telefon. Der Postbetrieb ist eingestellt.

o Die Wiener Feuerwehr erhält den Befehl, Wien zu verlassen. 3.800 Männer mit 627 Fahrzeugen verließen die Stadt über die Reichsbrücke. Sie kamen während des Rückzuges über das Waldviertel bis Oberösterreich und erst im Verlauf des Sommers 1945 gruppenweise nach Wien zurück. In Wien verblieben nur wenige Männer, die sich dem Abmarschbefehl entziehen konnten, mit einigen veralteten und nur bedingt einsetzbaren Geräten. Gleichzeitig flammten überall in der Stadt Brände auf, vor allem beiderseits des Gürtels und im Bereich der Ringstraße. Die Bevölkerung war bei der Bekämpfung der Brände im Wesentlichen allein, ohne Feuerwehr.

o An verschiedenen Stellen, zum Beispiel bei der Spinnerin am Kreuz und beim Sandleitenhof, haben Wienerinnen und Wiener die deutschen Soldaten dazu überredet, den Kampf aufzugeben und die Barrikaden wegzuräumen. Sie haben ihnen die Waffen abgenommen und sie mit Zivilkleidung versorgt. Genaue Angaben darüber gibt es natürlich nicht, doch sprechen Zeitzeugen davon, dass es allein in Ottakring mindestens 500, vielleicht sogar 3.000 Männer waren, die auf diese Weise aus dem Krieg gerettet wurden. (Schluss) red

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