TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. März 2015 von Anita Heubacher "Das Sterben hat der Staat in der Hand"

Innsbruck (OTS) - In Österreich wird eine Diskussion über Sterbehilfe immer im Keim erstickt. Dabei geht es um die Rechtssicherheit für Ärzte und vor allem um das Recht des Einzelnen, entscheiden zu können, was für ihn würdig oder unerträglich ist.

Der Nationalrat hat letzte Woche das Thema Sterbehilfe diskutiert oder vielmehr ausgespart. Die meisten Abgeordneten schwiegen und konzentrierten sich lieber darauf, den Ausbau der Palliativmedizin und der Hospize zu fordern. Letztere versuchen ein Sterben in Würde zu gewährleisten und müssen, um überleben zu können, sich zu einem großen Teil durch Spendengelder finanzieren. Der Staat fühlt sich also für ein Sterben in Würde finanziell nicht zur Gänze zuständig, betrachtet es nicht als seine Kernaufgabe, lässt aber auf der anderen Seite eine Entscheidungsfreiheit beim Thema Sterbehilfe nicht zu.
Es ist die Diskussion über die Macht des Staates über das Individuum und es ist eine Frage über die Relevanz des christlichen Wertekanons in einer stark säkularisierten Gesellschaft und in einem in weiten Bereichen säkularisierten Staat. Diese Diskussion ist so heikel, dass sie seit Jahren abgewürgt wird.
Sterben findet weit weg von der Gesellschaft statt, sodass man erst einen Bezug dazu bekommt, wenn es das eigene Umfeld trifft. Diese Erfahrung ist es dann meistens auch, die die Einstellung zur Sterbehilfe prägt. Die Bioethikkommission hatte vorgeschlagen, die Beihilfe zur Selbsttötung für Angehörige und Ärzte in Ausnahmefällen zu gestatten. Das würde das Machtverhältnis Staat zu Individuum in Richtung Individuum verschieben. Der Einzelne hätte die Wahlfreiheit, die ihm sonst verwehrt bliebe. Ist es nicht die ureigenste Entscheidung eines jeden Einzelnen, wie er sterben möchte? Muss nicht jeder für sich entscheiden dürfen, ob er genug gelitten hat oder ob Suizid für ihn ein Sakrileg und eine Sünde ist? Darf irgendwer von jemand anderem verlangen, dass er zu leiden hat?
Diese Entscheidung kann und sollte der Staat dem Einzelnen nicht kategorisch abnehmen. Es gilt, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit assistierter Suizid und passive Sterbehilfe wie in Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, den Niederlanden, Schweden, Slowenien und der Schweiz unter bestimmten Voraussetzungen in Ausnahmefällen möglich sind. Die Ängste und Befürchtungen der Gegner müssen ernst genommen und in die gesetzlich engen Rahmenbedingungen eingearbeitet werden, damit im Einzelfall Sterbehilfe eine Option ist. Es geht um die Rechtssicherheit für Ärzte und deren Wahlfreiheit, vor allem geht es aber um das Recht zu entscheiden, was für einen höchstselbst würdig oder unerträglich ist.

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