TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Restrisiko bleibt nach unfassbarer Tat", von Alois Vahrner

Ausgabe vom 27. März 2015

Innsbruck (OTS) - Wie kann ein offenbar lebensmüder Copilot 149 weitere Menschen mit sich in den Tod reißen? Eine Antwort, warum es zu dieser unfassbaren Irrsinns-Tat gekommen ist, werden die Angehörigen vielleicht nie bekommen.

Als am Dienstag der Germanwings-Airbus mit 150 Insassen, darunter eine ganze Schulklasse aus Deutschland, in den französischen Alpen zerschellte, war die Absturz-Ursache zunächst noch völlig unklar. Als wahrscheinlichste Variante galt ein möglicher technischer Defekt. Unklar blieb freilich, wieso die Maschine plötzlich auf Sinkflug ging und bis zum Crash minutenlang kein Kontakt mit dem Cockpit möglich war und aus diesem kein Not-Signal abgesetzt wurde.
Seit gestern herrscht laut den Ermittlern Gewissheit - und aus dem großen Schock wurde blankes Entsetzen über die unfassbare Tat des 27-jährigen Copiloten, der den aus dem WC zurückkommenden Kapitän nicht mehr ins versperrte Cockpit ließ und 149 Menschen mit sich in den Tod riss.
Fliegen gilt sogar noch vor dem Bahnfahren als die sicherste Transportform. 3,3 Milliarden Passagiere sind im Vorjahr weltweit mit Airlines geflogen. Flugzeugabstürze von Verkehrsflugmaschinen sind dank der sehr hohen Sicherheitsstandards äußerst selten, ganz besonders in Europa.
Als größere Gefahr als die doch sehr ausgefeilte Technik galt spätestens seit den Horrorflügen ins World Trade Center vom 9. September 2001 der internationale Terrorismus. Global wurden die Sicherheitskontrollen und Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung massiv erweitert. Eine Maßnahme war auch die bessere Sicherung der Cockpit-Türen vor Eindringlingen aus dem Passagierraum. Eine nach den 9/11-Anschlägen, als Al-Kaida-Terroristen die Besatzung ausschalteten und die Flugzeuge zu verheerenden Waffen umfunktionierten, dringend nötige Reaktion. Dass genau dieser Schutz des Cockpit-Innenraums jetzt ein Eingreifen durch Pilot und Insassen verhindert haben, ist brutal.
Es ist eine Horrorvision, die nach der Irrsinnstat des Germanwings-Copiloten Passagiere wohl noch lange massiv beunruhigen wird. Wenn der Feind im Cockpit sitzt, helfen weder die besten Sicherheitssysteme noch genaue Kontrollen.
Die Airlines werden mit noch mehr und noch genaueren Checks ihrer Piloten reagieren, eventuell mit einer Not-Öffnungsmöglichkeit der Cockpit-Tür oder der Pflicht-Anwesenheit von zwei Crew-Mitgliedern, in Zukunft vielleicht auch mit einer Not-Fernsteuerung des Fliegers von einem Tower aus oder durch die Airline selbst. Aber auch das brächte neue Gefahren, etwa durch Hacker. Man kann das Restrisiko für solche Katastrophen, ob beim Mensch oder in der Technik, weiter verkleinern, ganz auszuschalten ist es leider auch künftig nicht.

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