TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Von Totengräbern und Hoffnungsträgern", von Christian Jentsch

Ausgabe vom 20. März 2015

Innsbruck (OTS) - Auch Tunesien droht in den Sog von Terror und Gewalt zu geraten. Doch die junge Demokratie, das Mutterland des Arabischen Frühlings, kann auch Hoffnungsträger für die arabische Welt sein.

Ein Anschlag erschüttert Tunesien. Am Mittwoch stürmten in Militäruniformen gekleidete Angreifer das Nationalmuseum in Tunis und eröffneten das Feuer. Über 20 Menschen, der Großteil Touristen, starben. Ein schwerer Schlag für die junge Demokratie, in der erst Ende des Vorjahres ein neuer Präsident gewählt wurde - erstmals seit Erreichung der Unabhängigkeit im Jahr 1956. Das zarte Pflänzchen Demokratie, das im Mutterland des Arabischen Frühlings - als einzigem Land in der arabischen Welt - zu gedeihen schien, ist in großer Gefahr. Denn der politische und gesellschaftliche Frieden in dem kleinen nordafrikanischen Land, in dem ein Gemüsehändler mit seiner Selbstverbrennung Ende 2010 das Feuer der Revolution in der gesamten arabischen Welt entzündete, ist äußerst fragil.
Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit treiben viele vor allem junge Menschen in die Hände radikaler Islamisten. Der Anschlag von Tunis wird die Stabilität nun wohl weiter schwächen. Und der Terrorakt ist Gift für die ohnehin kränkelnde Tourismuswirtschaft als wichtigstem Devisenbringer und Arbeitgeber des Landes.
Tunesien wird von vielen Seiten bedroht. Al-Kaida-Zellen, die in der Grenzregion zu Algerien operieren, liefern sich schon seit Längerem Gefechte mit der Armee. Und der eskalierende Bürgerkrieg in Libyen, wo mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" verbündete Milizen das Machtvakuum zu füllen versuchen, macht auch vor Tunesien nicht halt. Der IS hat nun auch der neuen Regierung in Tunis den Krieg erklärt.
Doch Tunesien ließ sich bis jetzt nicht beirren. Während in Ägypten das Experiment Demokratie wieder Geschichte ist und nach dem Sturz von Hosni Mubarak nun wieder die alte Garde auf der Kommandobrücke sitzt, während in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg mit mittlerweile Hunderttausenden Toten tobt und während im Nahost-Konflikt ein Friede weiterhin Lichtjahre entfernt zu sein scheint, ging Tunesien zumindest in kleinen Schritten in Richtung Demokratie. Sicher, die Arabische Revolution wurde fast überall schon längst wieder zu Grabe getragen.
Doch der arabischen Welt für alle Ewigkeit jegliche Demokratisierungsversuche abzusprechen, wäre ein verhängnisvoller Fehler. Auch hier schlummert die Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft. Und Tunesien kann der Anfang sein.

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