Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "Die Spaßmacher"

Ausgabe vom 20. März 2015

Wien (OTS) - Ein Gag, ein ziemlich guter sogar, ist außer Kontrolle geraten. Schließlich musste das öffentlich-rechtliche ZDF die Notbremse ziehen. Die Sache war aus dem Ruder gelaufen und bedrohte das höchste Gut im digitalen Zeitalter: die Glaubwürdigkeit eines Mediums.

Schlechter Journalismus lieferte den Anlass: Günter Jauch wollte in seiner Talkshow in der ebenfalls öffentlich-rechtlichen ARD den eloquenten wie umstrittenen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis mit einem Video bloßstellen, in welchem dieser Deutschland den Mittelfinger zeigte. Varoufakis dementierte live die Echtheit des Videos, twitterte später jedoch eine Version des Mitschnitts, welche die pubertäre Geste enthielt. In den Sozialen Medien hob daraufhin eine Debatte über die Authentizität des Videos an. Schließlich krönte Jan Böhmermann, der neue Chefsatiriker des ZDF, die Erregung mit der Behauptung, das angeblich gefälschte Varoufakis-Video gefälscht zu haben.
Das Verwirrspiel war perfekt.

Böhmermann ist das Kunststück gelungen, in einem Aufwaschen den Alibi-Journalismus der TV-Talkshows ebenso lächerlich zu machen wie die empörungsgetriebene Berichterstattung der Online-Medien. Dass er damit perfekte PR-Arbeit für seine eigene Satireshow auf einem Nischensender des ZDF gemacht hat, versteht sich von selbst. Den Senderverantwortlichen wurde der virale Verwirrerfolg ihres neuen Stars im Laufe des Donnerstags allerdings unheimlich: Künftig will man Satire auch als solche kennzeichnen, um Verwechslungen mit dem seriösen Programm zu vermeiden.

Anders formuliert: Es besteht Anlass zur Befürchtung, dass die Menschen bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion beim Konsum von Nachrichten Hilfe gebrauchen könnten. Betrachtet man das einmal losgelöst vom allgegenwärtigen Ironieverdacht, so kommt das einer kapitalen Bruchlandung der selbsternannten vierten Macht gleich, die den Anspruch erhebt, die Mächtigen zu kontrollieren und die Bürger aufzuklären und zu informieren.

Der Verdacht, dass sich die Medienmaschinerie ihre eigene Wirklichkeit zusammenzimmert, ist beileibe nicht neu. Neu ist nur, mit welcher Entschlossenheit eine ganze Branche bereit ist, diese Idee konsequent zu Ende zu denken.

Böhmermann, selbst Produkt dieses Systems, hat das mit großer Eleganz offengelegt.

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