Hausärzte warnen vor Gesundheitsfabriken mit Fließbandmedizin

Diskussionsabend des ÖHV zu den geplanten Primärversorgungszentren

Wien (OTS) - Die Kreativität der Gesundheitsreformer kennt offenbar keine Grenzen, staunen Österreichs Hausärzte. Um vom zuletzt offenkundig gewordenen Scheitern der "kranken Akte ELGA" abzulenken, werde die Öffentlichkeit nun mit neuen skurrilen Versprechungen rund um die geplanten Primary Health Care-Zentren beglückt. In sündteuren - vom Steuerzahler finanzierten - Inseraten liest man von kürzeren Wartezeiten, längeren Öffnungszeiten und Entlastung der überforderten Ambulanzen. In Wahrheit gehe es aber darum, den Markt für das Geschäft mit der Krankheit von der niedergelassenen Ärzteschaft zu befreien, ist man beim Österreichischen Hausärzteverband (ÖHV) überzeugt und lädt zur Diskussion der brisanten Thematik ins Wiener RadioKulturhaus.

Aus Sicht des Hausärzteverbandes sind die Primärversorgungszentren ein gesundheitspolitischer Irrweg. "Sie verbrauchen Fördermittel, verdrängen die Einzelpraxen und verhindern die immer wieder propagierte Aufwertung des Hausarztes", ist ÖHV-Sprecher Dr. Wolfgang Geppert überzeugt. Plakativ argumentiert er: "Die überschwänglich beworbenen Gesundheitsfabriken hängen am Fördertropf, während die Hausarztpraxen den Steuertopf füllen."

Neue Front des Geldvernichtens

"Ich habe den Eindruck, dass die Gestalter des heimischen Gesundheitswesens von einer Pyramidenspiel-Mentalität beseelt sind", betont Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes. Man eröffnet einfach eine zweite Front des Geldvernichtens. Funktionierende, täglich ihren Leistungsnachweis erbringende Strukturen, würden ignoriert, schlecht gemacht, geringgeschätzt. "Die politisch Verantwortlichen rücken in ihrem Reformrausch eng zusammen, lassen die Realität außen vor und ergötzen sich an den verheißungsvollen Sprüchen der von ihnen beauftragten und von uns allen bezahlten Werbeagenturen", so Euler.

"Man setzt sich dabei eiskalt über den Willen der Bürger hinweg, die in allen Befragungen ihre hohe Zufriedenheit mit dem Hausarzt zum Ausdruck brachten", ist auch ÖHV-Bundessekretärin Dr.in Eva Raunig erschüttert. Durch die pauschale Abgeltung mit hohen Subventionen aus Steuergeldern werden die Primärversorgungszentren deutlich besser gestellt - eine Diskriminierung der frei praktizierenden Ärzteschaft, die am Ende zum Aus für die persönliche Hausarztbetreuung inklusive Visite führen werde.

Schlechte Erfahrungen in Deutschland

Im Rahmen des bevorstehenden Diskussionsabends am 21. April im Wiener RadioKulturhaus wird mit Dr. Johannes Pietschmann auch ein Hamburger Arzt über die Erfahrungen mit ähnlichen Ansätzen in Deutschland referieren. "Die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland haben komplett enttäuscht. Jene in Klinikhand sind samt und sonders unrentabel und wirken nur als ‚Staubsauger‘ zur Hospitalisierung, eine Verbesserung der Behandlungsqualität wurde nicht nachgewiesen." Auch der "Kooperationsbonus" für den Zusammenschluss von Ärzten habe nicht gehalten, was man sich von ihm versprach. "Letztlich dienen die MVZ in Deutschland nur einem Ziel", so Pietschmann, "nämlich der Stärkung von Krankenhäusern und Konzernen und dem Aufräumen mit der Ideologie der Freiberuflichkeit der Ärzte".

Von der ärztlichen Behandlung zur Gesundheitsproduktion

Ähnliches fürchtet Hausärzte-Vizepräsident Dr. Wolfgang Werner in Bälde auch für Österreich. "Gesundheitszentren sind keine medizinische Notwendigkeit, sondern reine Gesellschaftspolitik", lautet seine Überzeugung. Sie konkurrenzieren die Einzelordinationen, untergraben die ärztliche Identität und führen zu einem Verlust der Patientenselbständigkeit. Alles in allem stehe man vor einem Paradigmenwechsel - von der individuellen ärztlichen Behandlung hin zur "Gesundheitsproduktion".

Dass dies der Öffentlichkeit noch nicht voll bewusst sei, liege auch an der "Definitionskreativität" der so genannten Gesundheitsreformer. In Wahrheit komme statt der Aufwertung des Hausarztes die Zersetzung dieses Berufsstandes. Statt "Mehr Zeit für den Patienten" drohe die industrielle Fließbandmedizin, statt der "Wohnortnahen Versorgung" die Unerreichbarkeit ärztlicher Behandlung für Nicht-Autofahrer. "Ist erst einmal die bestehende und funktionierende Gesundheitsstruktur zerstört, wurde also tabula rasa geschaffen, wird es Generationen dauern, ein funktionierendes Gesundheitswesen wiederherzustellen, wenn sich die gegenwärtige Reform als Irrweg herausstellen sollte", so Dr. Werner.

Ambulanzen im Hausarztkleid

"Aus rechtlicher Sicht sind die PHC-Zentren ja auch tatsächlich als Ambulatorien zu betrachten, gewissermaßen ‚Ambulanzen im Hausarztkleid‘, die Millionen kosten und politischer Einflussnahme unterworfen sind", fasst Hausärzte-Sprecher Dr. Geppert zusammen. Unzweifelhaft ist für ihn, dass es nach dem Gleichheitsgrundsatz künftig auch Anschubfinanzierungen für Einzelpraxen geben müsse. Und dass eine komplette Freigabe der Teamarbeit unter Kassenärzten zu erfolgen habe, die bisher sogar mit dem Verlust des Kassenvertrages bedroht wurde. Für Zündstoff sollte beim Diskussionsabend des Hausärzteverbandes damit jedenfalls gesorgt sein…

Diskussionsabend des Österreichischen Hausärzteverbandes "Primärversorgungszentren - Gesundheitsfabriken mit Fließbandcharakter"
Dienstag, 21. April, 19 Uhr
RadioKulturhaus KulturCafé, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien

Diskutanten:
Dr. Johannes Pietschmann
Facharzt für Chirurgie und Orthopädie in Hamburg

Dr. Christian Euler
Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

Dr.in Eva Raunig
Bundessekretärin des Österreichischen Hausärzteverbandes

Dr. Wolfgang Werner
Vizepräsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

Moderation:
Dr. Wolfgang Geppert
Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes

Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at

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