Frauen in Konfliktgebieten brauchen mehr Unterstützung

Abgeordnete bekunden bei Veranstaltung im Parlament Solidarität mit von Krieg betroffenen Frauen

Wien (PK) - Sexualisierte Gewalt sei sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten allgegenwärtig. In Kriegen werde sie oft auch dazu benutzt, um soziale Hierarchien herzustellen und die Besiegten zu demütigen. Oder als billiges Mittel, um die Bevölkerung zu vertreiben. Darauf machte die Politikwissenschaftlerin Denise Beer bei einer Veranstaltung im Parlament zum Internationalen Frauentag aufmerksam. Unter dem Titel "Wenn Waffen sprechen - Solidarität mit Frauen in bewaffneten Konflikten" setzten sich Politikerinnen und Expertinnen mit dem Phänomen auseinander, dass Krieg in der Regel als Männersache betrachtet wird, obwohl Frauen oft viel stärker von den katastrophalen Folgen bewaffneter Konflikte betroffen sind.

Vergewaltigte Frauen würden vielfach auch von der eigenen Gemeinschaft stigmatisiert und damit zu doppelten Opfern, hob Beer hervor. Verantwortlich für die verbreitete sexualisierte Gewalt, auch in Friedenszeiten, ist für sie das patriarchalische Gesellschaftssystem. Wie stark Anschein und Realität auseinanderklaffen, zeigen auch Studien, denen zufolge in Kriegen deutlich mehr Mütter als bewaffnete Soldaten sterben.

Mit der Veranstaltung, zu der Nationalratspräsidentin Doris Bures gemeinsam mit den Frauen- und Gleichbehandlungssprecherinnen der sechs Parlamentsfraktionen eingeladen hatte, wollte man nicht nur Solidarität mit Frauen in Konflitgebieten bekunden, sondern auch auf den unterschätzten Beitrag von Frauen zur Friedensarbeit aufmerksam machen. Wer erfahren wolle, was Frauen in der Vergangenheit auf diesem Gebiet geleistet haben und aktuell leisten, solle die Friedensburg Schlaining besuchen, regte die Moderatorin Petra Ungar an, dort sei das gut dokumentiert. Die serbische Aktivistin Lepa Mladjenovic berichtete über die Aktion "Women in Black against War", bei der sich im Zuge des Jugoslawienkriegs schwarz gekleidete Frauen allwöchentlich schweigend am Hauptplatz von Belgrad versammelt haben, um gegen den Krieg zu protestieren.

Bures: Alle Anstrengungen unternehmen, um Konflikte einzudämmen

Nationalratspräsidentin Doris Bures präsentierte am Beginn der Veranstaltung einige Daten und Fakten. Demnach sind weltweit derzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht. Allein 2013 waren 414 Konflikte zu verzeichnen. Die Länder, in denen Frieden und Freiheit herrschen, seien klar in der Minderheit, so Bures mit Hinweis auf eine entsprechende Landkarte.

EuropäerInnen hätten meist ein klares Bild von einem Flüchtling:
jung, männlich, oft eingepfercht in Containern, mit Schleppern unterwegs, hielt Bures fest. Doch die Realität sehe anders aus. Auch Frauen seien auf der Flucht, häufig mit Kindern und Alten, und kämpften dabei, mitunter nur zwei, drei Dörfer außerhalb des unmittelbaren Kampfgebiets, ums nackte Überleben und ihre körperliche Unversehrtheit. Selbst in Flüchtlingslagern sei dieser Kampf oftmals nicht vorbei. "Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt", rief Bures mit einem Zitat von Erich Fried dazu auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Konflikte einzudämmen.

Solidarität hat enorme Bedeutung

Thema der Veranstaltung war auch die Frage, wie man Frauen in kriegerischen Konflikten eine stärkere Stimme geben kann und wie konkrete (frauen)politische Hilfe für Frauen in Konfliktgebieten aussehen könnte. Mladjenovic, die unter anderem das autonome Frauenzentrum in Belgrad mitbegründet hat, im europäischen Netzwerk Women Against Violence Europe (WAVE) engagiert ist und sich für sexuelle Selbstbestimmung einsetzt, wies aus eigener Erfahrung unter anderem auf die Bedeutung von Solidarität im Sinne von aktivem Zuhören und Zusehen hin. Zudem hält sie Wissensvermittlung über den Umgang sowohl mit den eigenen Gefühlen als auch mit traumatisierten Frauen sowie Begegnungen außerhalb des Kriegsschauplatzes für wesentlich. So habe etwa die Women's International League for Peace and Freedom im letzten Jahr ein Treffen von 20 Aktivistinnen aus Syrien mit 20 Aktivistinnen aus Bosnien und Herzegowina organisiert, führte sie ein positives Beispiel an.

Die Friedensaktion "Women in Black" habe den Jugoslawien-Krieg sicher nicht beendet, sagte Mladjenovic, aber sie habe viel dazu beigetragen, den Aktivistinnen Kraft zu geben. Auch wenn die Gruppe, die sich als feministisch, antifaschistisch und antimilitaristisch verstand, an manchen Tagen nur aus sieben Frauen bestand. Mladjenovic warnte auch davor, in die "patriarchalische Falle" zu tappen und den Schmerz von Opfern zu vergleichen - es gebe keine Hierarchie des Schmerzes, sondern nur eine Hierarchie der Verbrechen, meinte sie.

Frauen müssen stärker in Friedensprozess eingebunden werden

Über die aktuelle Lage in der Ukraine berichtete Maryna Rudenko vom Ukraine Women's Information Consultative Centre. Ihrer Darstellung nach gab es mit Stand Ende Februar eine Million Binnenvertriebene in ihrem Heimatland, zwei Drittel davon Frauen. Die Ukraine sei immer ein friedliches Land gewesen und habe bis 2014 keine bewaffneten ethnischen Konflikte gekannt, unterstrich sie, nun würde der Krieg und die Propaganda die Menschen auseinanderdividieren. Die russischen Separatisten setzen ihr zufolge auch bewusst sexuelle Gewalt ein.

Sowohl Rudenko als auch Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) und des europäischen Netzwerks WAVE, hoben die Notwendigkeit hervor, bei Konfliktbewältigungen die Gender-Komponente stärker zu berücksichtigen und bei den Entscheidungsträgern ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung der Einbeziehung von Frauen in den Friedensprozess zu schaffen.

Rösslhumer informierte in diesem Zusammenhang über einen Solidaritätsbrief, der bei der 16. Weltkonferenz von WAVE verfasst wurde. Darin wird an die OSZE, die UNO und andere internationale Organisationen, aber auch an die eigenen 107 Mitgliedsorganisationen in 46 europäischen Ländern appelliert, Frauen in der Ukraine, in Syrien und in anderen Konfliktgebieten in allen Belangen, politisch und finanziell, zu unterstützen und Wissen und Know How, etwa was den Umgang mit Gewalt betrifft, zur Verfügung zu stellen. Es brauche unter anderem mehr Frauenschutzeinrichtungen und Trauma-Zentren zur Verarbeitung von Gewalterlebnissen in Konfliktgebieten, mahnte sie. Einen wichtigen Beitrag könnten ihrer Meinung nach auch von Frauen für Frauen geführte Friedensakademien nach dem Vorbild von Schlaining leisten.

Bei De-Radikalisierungs-Hotline melden sich überwiegend Frauen

Familienministerin Sophie Karmasin wies darauf hin, dass Österreich in vielen internationalen Projekten engagiert sei und nannte stellvertretend ein Projekt in Afrika zur Stärkung von Frauen. Dass es häufig Frauen sind, denen Frieden und Gewaltfreiheit ein besonderes Anliegen sind, zeigt ihr zufolge auch der Umstand, dass jene, die sich bei der vor kurzem eingerichteten und beim Familienministerium angesiedelten De-Radikalisierungs-Hotline melden, zu 80% Frauen sind: Mütter, Schwestern, Cousinen und andere Beobachterinnen.

Anders als ursprünglich geplant nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Sie musste im Bundesrat eine Dringliche Anfrage der FPÖ zum Thema Zentralmatura und Neue Mittelschule beantworten.

Aslan: Sieg von Kobane war Sieg der Frauen

Seitens der Parlamentsfraktionen machten sich die SPÖ-Abgeordneten Gisela Wurm, Vorsitzende des Gleichbehandlungsausschusses, Dorothea Schittenhelm (V), Carmen Schimanek (F), Aygül Berivan Aslan (G), Martina Schenk (T) und Beate Meinl-Reisinger (N) für die Unterstützung von Frauen in Konfliktgebieten stark. Als tausende Frauen im vergangenen Jahr von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) systematisch vergewaltigt wurden, habe die internationale Gemeinschaft weggeschaut, klagte Aslan, niemand habe sich ernsthaft für die Verbrechen interessiert.

Dafür haben sich Aslan zufolge tausende Guerillakämpferinnen aus aller Welt in die vorderste Front gestellt, um Kobane zu befreien. Der Sieg von Kobane war ein Sieg der Frauen, ist sie überzeugt. Auf Grund ihres Engagements hätten Frauen nun auch 50 % der Entscheidungsmacht in Kobane, sie entscheiden gleichberechtigt mit, welche Gebäude und welche Straßen als erste wieder aufgebaut werden.

Wurm wies darauf hin, dass Erinnerungen oft erst Jahre nach dem Krieg an die Oberfläche treten. Die Frauen müssten die Möglichkeit haben, die traumatisierenden Erlebnisse zu verarbeiten, hob sie die Bedeutung von entsprechenden Einrichtungen und psychologischer Hilfe hervor. Traumata, die durch sexuelle Gewalt entstehen, hielten oft nicht nur lebenslang an, sie würden manchmal auch über Generationen hinweg vererbt, stellte Meinl-Reisinger ergänzend fest. Ihrer Meinung nach könnte Österreich durchaus mehr beitragen, was humanitäre Hilfe im Ausland anlangt.

ÖVP-Frauensprecherin Schittenhelm kritisierte die Abwesenheit des ORF bei der Veranstaltung und meinte, würde man heute über Wirtschaft diskutieren, wären sicher ORF-JournalistInnen da. Zum Thema selbst merkte sie an, es seien nicht die Frauen, die "Kriege anzetteln", aber sie würden hineingezogen. Man müsse den Frauen eine Stimme geben und sie stärker in diplomatische Gespräche einbinden. An das Publikum appellierte Schittenhelm, nachzudenken, welchen Beitrag jeder bzw. jede einzelne zur Unterstützung von betroffenen Frauen leisten könne. Frieden sei das höchste Gut, alle seien aufgerufen daran zu arbeiten, dass er erhalten bleibe bzw. wiederhergestellt werde, betonte auch Schenk.

Abgeordnete Schimanek zeigte sich irritiert darüber, dass Norwegen darüber nachdenkt, eine Wehrpflicht für Frauen einzuführen. Sie wertete es außerdem als bemerkenswert, dass von den 28.000 Asylanträgen, die zuletzt in Österreich eingebracht wurden, nur 6.700 von Frauen stammen.

Für das musikalische Rahmenprogramm der Veranstaltung sorgten das beschwingte Frauen-Duo Jelena Popržan und Rina Kaçinari alias Catch-Pop String-Strong. (Schluss) gs

HINWEIS: Fotos von der Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf www.parlament.gv.at.

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