Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 13. März 2015; Leitartikel von Christian Jentsch: "Syriens Totentanz – unsere Schande"

Innsbruck (OTS) - Vier Jahre nach dem Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Präsident Assad gleicht Syrien heute der Hölle auf Erden. Und das Schlachten geht weiter. Vor unserer Haustüre sterben Menschen wie Fliegen. Und die Welt schaut weg.

Es fällt schwer, die syrische Tragödie nach vier Jahren eines bluttriefenden Bürgerkrieges noch in Worte zu fassen. Doch allein schon die Zahlen sorgen für Gänsehaut. Über 220.000 Menschen wurden bereits getötet, über elf Millionen Menschen sind auf der Flucht, 5,6 Millionen Kinder sind laut den Vereinten Nationen in einer "akuten Notsituation". Städte und Dörfer liegen in Trümmern, weite Landstriche sind verwüstet, die Infrastruktur ist komplett zerstört, Krankenhäuser werden unter Feuer genommen, Lebensmittel und Medikamente sind Mangelware, ethnische und religiöse Trennlinien blenden alles Menschliche aus. Und das vielleicht Schlimmste: Die Hoffnung ist gestorben, das Morgen beschert den Menschen nur einen weiteren Albtraum, aus dem es kein Erwachen zu geben scheint.

Was in Syrien als Aufbegehren für mehr Mitbestimmung im Rahmen des mittlerweile zu Grabe getragenen Arabischen Frühlings begann, verließ rasch die Grenzen des Landes. Im großen politischen Schachspiel um Macht und Einfluss wurden die Syrer zu Bauernopfern. Viele Mächte mischen - meist mit verdeckten Karten - kräftig mit, um ihre Interessen bei der Neuordnung der Region durchzusetzen. Und gehen dabei über Leichen. Sogar die Jihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" fanden finanzkräftige Unterstützer und wurden von der Kette gelasssen. Es ist ein zynisches Spiel, das keine Gewinner kennt.

Und Europa? Auch die Hüter von Demokratie und Menschenrechten üben sich in Sachen Syrien weit mehr im Taktieren und Lamentieren als im Helfen. Der syrische Totentanz ist wohl noch lange nicht beendet. Die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, das Massensterben zu beenden, sind gelinde gesagt von begrenzter Intensität.

Dass im Jahr 2015 Hunderttausende Menschen in Syrien sterben müssen und die Welt einfach in Deckung geht, stellt uns kein gutes Zeugnis aus. Die verstörenden Bilder aus Aleppo, Homs und Co. sind offensichtlich keine Aufreger mehr, sondern längst Normalität. Vor den Toren Europas hat sich das Tor zur Hölle geöffnet, eine ganze Region steht am Abgrund - und die Betroffenheit hält sich in Grenzen.

Doch das Wegducken hat Folgen - und nicht nur moralische. Denn wenn sich die Spirale der Gewalt weiter dreht, gerät auch das Fundament unserer politischen und gesellschaftlichen Ordnung ins Wanken.

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