Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. März; Leitartikel von Floo Weißmann: "Berlusconi, Sex und Politik"

Innsbruck (OTS) - Nach seinem Freispruch darf Italiens früherer Regierungschef vorerst weiter in der Politik mitmischen.
Aber dem glänzenden Comeback, das er anstrebt, steht ein Berg von Schwierigkeiten im Weg.

Silvio Berlusconi ist schon oft politisch totgesagt worden und hat doch in wechselnden Rollen stets weiter mitgemischt. Mit seinem rechtskräftigen Freispruch im "Ruby-Prozess" steht nun fest, dass der Ex-Premier und Medienzar der italienischen Politik auch weiterhin erhalten bleibt. Ob er aber an seine frühere Sonderrolle anknüpfen kann, als er in Italien beinahe schalten und walten konnte, wie er wollte, darf bezweifelt werden.
Dass der 78-Jährige Euphorie und Tatendrang versprüht, verwundert nicht. Der Sozialdienst infolge seiner Verurteilung wegen Steuerbetrugs ist abgearbeitet und mit dem Freispruch von Dienstagnacht ist eine peinliche Affäre vom Tisch. Berlusconi fand sogar Lob für die Justiz sowie Bedauern für den Image-Schaden, den die Untersuchung seiner Sex-Partys dem Land zugefügt hat. Für einen Mann, der sich einst gebärdete, als sei er über alle Regeln erhaben, klingt das beinahe wie Demut. Doch es ändert nichts daran, dass sich das politische Umfeld für den "Cavaliere" verschlechtert hat.
Einst kehrte er mit Geld, Medienmacht, Populismus, Selbstdarstellung und Tricks die Reste der Christdemokraten zusammen, die ein Korruptionsskandal zerbröselt hatte. Dieser Umbruch in Italiens Parteienlandschaft ist zwar noch nicht abgeschlossen, wie der Erfolg der "Fünf-Sterne"-Protestbewegung zeigt. Aber Berlusconi kann sich heute nicht mehr als unverbrauchte Alternative anbieten und auch der Nimbus des Unbesiegbaren ist verblichen.
Stattdessen dümpelt seine Forza Italia im Umfragekeller dahin und zerfleischt sich in Flügelkämpfen. Von rechts kommen die Rechtspopulisten der Lega Nord, die sich längst von der Rolle als Berlusconis Steigbügelhalter emanzipiert haben. Und im Zentrum machen der sozialdemokratische Premier Matteo Renzi und Berlusconi-Dissidenten Reformpolitik, ohne den "Cavaliere" um Erlaubnis zu fragen.
Dazu droht weiteres juristisches Ungemach. Ein Prozess wegen der mutmaßlichen Bestechung eines Senators läuft bereits. Und noch heuer könnten zwei Verfahren wegen Zeugenbestechung eröffnet werden, in denen Berlusconi - bildlich gesprochen - wieder einmal mit heruntergelassenen Hosen dasteht, geht es doch indirekt um Kontakte zu Prostituierten.
Es spricht also vieles dafür, dass die einstige Berlusconisierung Italiens keine Fortsetzung findet - zumal Berlusconi selbst ohnehin noch bis ins Jahr 2019 kein politisches Amt bekleiden darf. Aber gesichert ist das keineswegs. Italiens Politik bleibt voller Unwägbarkeiten - auch ohne Berlusconi, aber erst recht mit ihm.

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