Mediendiskussion: „Transparenz ist die neue Objektivität“

Chefredakteursrunde bei Branchentreff OTSconnect zum Thema: „Lügenpresse – Unwort des Jahres oder Indikator für sinkende Glaubwürdigkeit?“

Wien (OTS) - Kampagnen- und Sensationsjournalismus, manipulierte Berichterstattung, PR-Schreibe, übertriebene oder ungenaue Darstellung, sachliche und orthografische Fehler - so nur einige der Gründe für den zunehmenden Vertrauensverlust von Leserinnen und Lesern gegenüber ihren Medien. Den Fragen, ob Medien noch als Vermittler glaubwürdiger Botschaften taugen, und wie Redaktionen ihr wertvollstes Gut schützen, stellte sich Mittwochvormittag, eine hochkarätige Journalistenrunde im Rahmen der APA-OTSconnect.

Fritz Dittlbacher, Chefredakteur ORF-Fernsehen, führt die erneute Aktualität des historisch begründeten Begriffs "Lügenpresse" auf die derzeit aktuellen Unsicherheiten und Krisen zurück. "Wir als Medien haben uns zu lange darin gesuhlt, die vierte Gewalt im Staat zu sein. Das Vertrauen in Regierungen sinkt - und auch das Vertrauen in Medien. Heute sind auch wir ‚die da oben‘".

"Der Vertrauensverlust ist kein Zeichen einer Krise, die die Menschen nicht verstehen", entgegnet NZZ-Österreich Chefredakteur Michael Fleischhacker. "Die Vorwürfe, die etablierten Medien würden nur einen Teil der österreichischen Realität abbilden, sind zutreffend und damit auch der Hauptgrund für die sinkende Glaubwürdigkeit."

NEWS-Chefredakteurin Eva Weissenberger kann dieser Entwicklung auch Positives abgewinnen und sieht in den Kritikern "mündigere und selbstbewusstere Bürgerinnen und Bürger, die nicht mehr so sehr an Institutionen hängen". Auch spiele die digitale Revolution mit hinein: "Ein Journalist steht heute Tausenden Menschen gegenüber, die zusammen mehr wissen als ein einzelner. Das ist das Spannungsfeld, in dem Journalismus heute überleben muss."

Dittlbacher teilt die österreichische Informationslandschaft in zwei Gruppen von Medien und Journalismus: "Die einen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen, die andere Gesichtspunkte und erweiterte Weltbilder anbieten, gegenüber jenen, die das zu vermeiden versuchen und sehr erfolgreich Vorurteile bestätigen." Weissenberger sieht das Versprechen, die Wahrheit zu kennen und den Willen, objektiv zu sein, auch im Boulevard. "Die Leute kapieren jetzt, dass es gar keine Wahrheit gibt, nur eine Annäherung und die Suche danach. Die neue Objektivität ist Transparenz."

Kein Verständnis für das "Arbeitsleid des Aufklärers" will Fleischhacker in der Diskussion aufbringen. "Es ist überheblich, das, was unserer Meinung entspricht, für objektiv zu halten. Alle Medien bieten auch Boulevardformate - auch jenes, das sich anmaßt, der oberste Gerichtshof in Moralangelegenheiten zu sein." Für Dittlbacher gibt es einen großen Unterschied zwischen Differenzieren und Polemisieren, "nicht jede Form von Journalismus will dasselbe mit denselben Mitteln." Möglichkeiten für Objektivität gebe es im Journalismus ausreichend, "z.B. Daten, Zahlen, Fakten, in die Ukraine zu fahren und dort zu recherchieren."

"Galt es für den Journalismus früher, Nachrichten zu produzieren, so wäre es heute Wissen", so Fleischhacker. "Wir haben die neue, große Aufgabe, Information neben ihrer generischen Produktion in einen Kontext zu stellen." Weissenberger will davon abrücken, dass Medien die Wahrheit gepachtet hätten, vielmehr gelte es, Wissen anzubieten.

Einig zeigten sich die Diskutanten in der Herausforderung, die die Beschleunigung mit sich bringt. "Die Infos kommen immer schneller und sind nicht mehr so leicht zu überprüfen. Es muss möglichst schnell möglichst viel geliefert werden. Recherchen, Check, Doublecheck brauchen jedoch Zeit", sagt Dittlbacher. Dass Journalistinnen und Journalisten in sozialen Netzwerken diese Prinzipien noch öfter vernachlässigen und "Informationen instantly und oft ohne Recherche verbreiten, schadet der Glaubwürdigkeit zusätzlich", verurteilt Weissenberger.

Wenngleich laut Weissenberger die sinkende Glaubwürdigkeit nicht an Einzelfehlern, sondern vielmehr an einem fortgesetztem Prozess festzumachen ist, ortet Dittlbacher dennoch nach wie vor den Vertrauensvorschuss in Medien: "Das legt uns auch eine große Verantwortung auf." Die Debatte sei jedoch von allen Seiten zu begrüßen, da sie Medien und Gesellschaft herausfordert, über sich selbst nachzudenken.

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