TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 9. März 2015, von Anita Heubacher: "Jedes Jahr hat die Mottenkiste Saison"

Innsbruck (OTS) - Pünktlich zum Weltfrauentag wird sie beklagt, die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit der Chancen für Frauen. Schuld sind auf keinen Fall die Frauen, sondern die Gesellschaft und die hat am Ende auch die Rechnung zu bezahlen.

Als Frau erlaube ich mir, eine Replik auf den Weltfrauentag zu machen. Sie ist unsäglich, diese dauernde Opferrolle, die pünktlich jedes Jahr am 8. März beklagt wird. Damit sind nicht die tatsächlich armen Frauen in Entwicklungsländern, nicht jene, die Opfer von Gewalt werden, und auch nicht die tatsächlich ärmsten Frauen bei uns gemeint. Die "typische Tirolerin" ist laut Statistik eine 48-jährige Teilzeitarbeiterin mit zwei "Kindern" im Alter von 20 und 23 Jahren. Statt zu hinterfragen, warum sie mit 48 Jahren noch immer Teilzeit arbeitet, wird im Kanon über die Mehrbelastung durch Familie und Beruf geklagt. Was bei uns nicht einmal mehr auffällt, ist in anderen europäischen Staaten ein Umstand, der Irritationen auslöst.

Tirol ist österreichweit das absolute Schlusslicht, was die Beschäftigungsquote von Frauen anlangt. Bescheidene 33 Prozent arbeiten Vollzeit und das ganze Jahr. Tirol ist der absolute Spitzenreiter, was das Ausnützen der Karenzzeit und die Dauer der Teilzeitbeschäftigung angeht. Wer mit 48 noch immer Teilzeit arbeitet, hat 15 Jahre später nur die halbe Pension. Dafür ist aber nicht die Gesellschaft, sondern man selbst verantwortlich.

Jedes Jahr muss die Mottenkiste der Ungerechtigkeiten am 8. März wieder ausgepackt werden. Weil der Druck, unterm Jahr von einigen Wehrhaften getragen, in der Masse aber ausbleibt, verebbt oder nicht so hoch ist. Wenn die Landesregierung sagt, sie hätte bei den Kinderbetreuungseinrichtungen nachjustiert und für die Ganztagsschule fehle der Bedarf, folgt keine Demo erboster Mütter samt Kinderwägen auf dem Landhausplatz. Wenn auf dem Frauen-Pensionskonto Zwischenbilanz gezogen wird und die vernichtend ausfällt, lässt das nicht einmal die Anträge auf Pensionssplitting in die Höhe schnellen. Rund 100 Paare in ganz Österreich haben vereinbart, dass der Elternteil, der die Kinder erzieht, die Hälfte der Pension des anderen Elternteils gutgeschrieben bekommt. Vier Jahre lang. Wenn die Rahmenbedingungen der Politik nicht passen, treibt das die Frauen weder in Gemeinderäte noch in den Landtag. Ein Kind zu erziehen, ist ein wesentlicher Beitrag zur Gesellschaft. Die Frage ist, wie lange? Ein Jugendlicher, der am liebsten an der Hand der Mama an der Universität inskribiert, trägt am ehesten zur Infantilisierung der Gesellschaft bei. Verantwortung abgeben, Selbstverantwortung von sich weisen - das sind die Aushängeschilder einer solchen Gesellschaft.

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