- 09.03.2015, 08:03:27
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 9. März 2015, von Anita Heubacher: "Jedes Jahr hat die Mottenkiste Saison"
Innsbruck (OTS) - Pünktlich zum Weltfrauentag wird sie beklagt, die
Ungerechtigkeit, die Ungleichheit der Chancen für Frauen. Schuld sind
auf keinen Fall die Frauen, sondern die Gesellschaft und die hat am
Ende auch die Rechnung zu bezahlen.
Als Frau erlaube ich mir, eine Replik auf den Weltfrauentag zu
machen. Sie ist unsäglich, diese dauernde Opferrolle, die pünktlich
jedes Jahr am 8. März beklagt wird. Damit sind nicht die tatsächlich
armen Frauen in Entwicklungsländern, nicht jene, die Opfer von Gewalt
werden, und auch nicht die tatsächlich ärmsten Frauen bei uns
gemeint. Die "typische Tirolerin" ist laut Statistik eine 48-jährige
Teilzeitarbeiterin mit zwei "Kindern" im Alter von 20 und 23 Jahren.
Statt zu hinterfragen, warum sie mit 48 Jahren noch immer Teilzeit
arbeitet, wird im Kanon über die Mehrbelastung durch Familie und
Beruf geklagt. Was bei uns nicht einmal mehr auffällt, ist in anderen
europäischen Staaten ein Umstand, der Irritationen auslöst.
Tirol ist österreichweit das absolute Schlusslicht, was die
Beschäftigungsquote von Frauen anlangt. Bescheidene 33 Prozent
arbeiten Vollzeit und das ganze Jahr. Tirol ist der absolute
Spitzenreiter, was das Ausnützen der Karenzzeit und die Dauer der
Teilzeitbeschäftigung angeht. Wer mit 48 noch immer Teilzeit
arbeitet, hat 15 Jahre später nur die halbe Pension. Dafür ist aber
nicht die Gesellschaft, sondern man selbst verantwortlich.
Jedes Jahr muss die Mottenkiste der Ungerechtigkeiten am 8. März
wieder ausgepackt werden. Weil der Druck, unterm Jahr von einigen
Wehrhaften getragen, in der Masse aber ausbleibt, verebbt oder nicht
so hoch ist. Wenn die Landesregierung sagt, sie hätte bei den
Kinderbetreuungseinrichtungen nachjustiert und für die Ganztagsschule
fehle der Bedarf, folgt keine Demo erboster Mütter samt Kinderwägen
auf dem Landhausplatz. Wenn auf dem Frauen-Pensionskonto
Zwischenbilanz gezogen wird und die vernichtend ausfällt, lässt das
nicht einmal die Anträge auf Pensionssplitting in die Höhe schnellen.
Rund 100 Paare in ganz Österreich haben vereinbart, dass der
Elternteil, der die Kinder erzieht, die Hälfte der Pension des
anderen Elternteils gutgeschrieben bekommt. Vier Jahre lang. Wenn die
Rahmenbedingungen der Politik nicht passen, treibt das die Frauen
weder in Gemeinderäte noch in den Landtag. Ein Kind zu erziehen, ist
ein wesentlicher Beitrag zur Gesellschaft. Die Frage ist, wie lange?
Ein Jugendlicher, der am liebsten an der Hand der Mama an der
Universität inskribiert, trägt am ehesten zur Infantilisierung der
Gesellschaft bei. Verantwortung abgeben, Selbstverantwortung von sich
weisen - das sind die Aushängeschilder einer solchen Gesellschaft.
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