Barrierefreies Bauen als Maßstab des Inklusionsgedankens - Wo stehen wir?

Wien (OTS) - Barrierefreier Lebensraum ist ein wesentlicher Faktor, wenn es um Inklusion geht. Man könnte sagen, er ist die materialisierte Inklusion. Bei der Gestaltung öffentlichen Raums ist demnach zu beachten, dass die Umsetzung von Barrierefreiheit in vollem Umfang erfolgt. Nur so ist es möglich, auch den hoch relevanten und derzeit noch stark unterrepräsentierten Aspekt der Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen nachhaltig als fixen Bestandteil barrierefreier Gestaltung zu etablieren. Leider lässt das Bewusstsein dafür bei vielen Menschen noch immer zu wünschen übrig - auch bei Politikern.

Erfreulicherweise ist derzeit in Österreich großes Bestreben erkennbar, im Sinne der Vorgaben der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes Maßnahmen zu setzen. Dies betrifft auch den Bereich "Barrierefreies Bauen". Es ist ein großer Erfolg, dass das Bewusstsein für die Relevanz barrierefreier Gestaltung immer mehr zunimmt. Umso empörender sind Äußerungen wie jene von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll in der ORF Pressestunde vom 1. März 2015, in welcher er seinen Ärger über bestehende Vorschriften des Bundes zur Barrierefreiheit von Gasthäusern ausdrückte. Seine Aussagen machen deutlich, dass dieses Bewusstsein selbst bei manch hochrangingen Politikern noch einer deutlichen Erweiterung bedarf.

Barrieren im Kopf abbauen
"Ich habe nicht geglaubt, dass ein Politiker im Jahr 2015 eine derartig mittelalterliche Ansicht zu Barrierefreiheit vertreten würde", so Dr. Markus Wolf, Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich. Dr. Wolf fügt jedoch hinzu: "Zum Glück verstehen nicht alle Politiker so wenig davon. Auch in der ÖVP setzen sich Politiker positiv mit dem Thema auseinander. In der Steiermark kündigte z.B. Hermann Schützenhöfer - zuständig für Tourismus - an, dass für Investitionen in Barrierefreiheit in kleinen und mittelgroßen Gastronomiebetrieben ein Zuschuss des Landes von 10 - 15 % gewährt wird. Das ist ein guter Beginn. Ich schlage vor, dass Herr Pröll bei seinem steirischen Kollegen Nachhilfeunterricht nimmt, um zunächst die Barrieren in seinem eigenen Denken und danach auch die baulichen Barrieren in Niederösterreich abzubauen."

Barrierefreiheit fördert gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Die Art, wie der Lebensraum einer Gesellschaft gestaltet ist, beeinflusst die Menschen, die sich darin aufhalten und bewegen, maßgeblich. Je weniger Barrieren es gibt, desto weniger werden Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen von ihrem Umfeld behindert, desto freier und selbständiger können sie in allen Lebensbereichen agieren, desto präsenter werden sie in der Gesellschaft und desto selbstverständlicher wird letztendlich die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das hätte wiederum zur Folge, dass Barrierefreiheit als Qualitätskriterium anerkannt und nicht mehr hinterfragt, sondern von allen Menschen aktiv eingefordert würde.

Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderungen

Die bestehenden Anforderungskriterien bilden eine sehr gute Grundlage, um ein Umfeld zu schaffen, in dem beispielsweise Menschen mit Gehbehinderungen und Personen im Rollstuhl selbständig und selbstbestimmt mobil sind und agieren können. Auch Personen mit Sehbehinderungen und blinde Menschen sind auf eine Reihe baulicher und gestalterischer Voraussetzungen angewiesen, um diese selbstbestimmte, sichere Mobilität und Handlungsfähigkeit entfalten zu können. Pauschal könnte man die dazu notwendigen Maßnahmen etwa so zusammenfassen: Sichtbares muss für Menschen mit Sehbehinderungen, die sich primär mit dem (reduzierten) Sehsinn orientieren, besonders gut und deutlich sichtbar gemacht werden. Für blinde Menschen, die visuelle Eindrücke kaum bis gar nicht wahrnehmen, muss der Informationsgehalt des Sichtbaren in irgendeiner Form auch durch den Hör- und/oder Tastsinn erfassbar gemacht werden. Viele von diesen Maßnahmen (intuitiv erfassbare visuelle und taktile Orientierungssysteme, visuelle und taktile Absicherung von Hindernissen, etc.) erhöhen zudem die Mobilität und Sicherheit im öffentlichen Raum für alle Menschen.

Fehlendes Bewusstsein

Derzeit ist das Bewusstsein für die Anforderungen blinder und sehbehinderter Menschen im Zusammenhang mit barrierefreier Gestaltung oft noch nicht ausreichend vorhanden. Dies drückt sich auf mehreren Ebenen aus. Zum einen sind die umzusetzenden Kriterien innerhalb vorhandener Richtlinien für viele Bereiche noch nicht ausreichend definiert und ausformuliert, um Planern die essentiellen Faktoren so zu vermitteln, dass auf der Basis eine zufriedenstellende Umsetzung möglich wäre. Zum anderen sind diese Aspekte auch in der sowieso schon viel zu wenig umfangreichen Ausbildung in puncto Barrierefreiheit nicht ausreichend vertreten. Insgesamt führt das dazu, dass selbst dann, wenn grundsätzlich bei der Planung an Barrierefreiheit gedacht wird, die Berücksichtigung der Anforderungen blinder und sehbehinderter Menschen oft zu kurz kommt. Die Folge ist, dass entsprechende Maßnahmen nicht mitbedacht und somit auch nicht umgesetzt werden. Dadurch entstehen immer wieder Raumsituationen, die für blinde Menschen und/oder Menschen mit Sehbehinderungen zu einer massiven Beeinträchtigung der sicheren und selbständigen Mobilität führen.

Wo sind wir denn?

"Wo sind wir denn?", ruft LH Pröll den Journalisten bezüglich eines verpflichtenden barrierefreien Zugangs zu Gasthäusern zu. Wenn das Maß an Barrierefreiheit, das in einer Gesellschaft vorzufinden ist, ein Ausdruck dessen ist, in wie weit diese Gesellschaft den Inklusionsgedanken verinnerlicht hat, dürfte diese Frage wohl beantwortet sein.

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