Die neue Mittelschule fällt durch

Die erste offizielle Evaluierung der neuen Schulform liegt vor. Sie fällt vernichtend aus.

Wien (OTS/SN) - Was hat die Neue Mittelschule, die laut Rechnungshof bisher fast 300 Millionen Euro gekostet hat, gebracht? Der erste offizielle Evaluierungsbericht fällt vernichtend aus, wie die SN in der morgigen Ausgabe berichten: Die Neue Mittelschule (NMS) liefert schlechtere Ergebnisse als die Hauptschule, die sie ersetzen soll. "Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses Niveau an allen Standorten tatsächlich erreicht wird", heißt es im offiziellen Evaluierungsbericht im Auftrag des Unterrichtsministeriums. Weiters beklagt der Bericht, der den SN vorliegt, dass die Neue Mittelschule keine verbesserte Förderung der leistungsschwächsten Schüler zustande gebracht habe. Im Gegenteil habe sich die Lernsituation der Leistungsschwächeren sogar noch verschlechtert.
Die Frage, ob die Einführung der NMS, die als eine Art Gesamtschule konzipiert ist, zu mehr sozialer Chancengleichheit führe, wird von den Studienautoren verneint. Als Grund nennen sie in ihrem Evaluierungsbericht, dass die wesentliche Laufbahnentscheidung nicht beim Eintritt in die Neue Mittelschule - also mit zehn Jahren -, sondern schon davor falle. Auch sei das Konzept der NMS an mehr als der Hälfte der Standorte nur unzureichend umgesetzt worden.
Positiv hebt der Bericht hervor, dass die neue Schulform zu weniger Gewalt an den Schulen und zu einem höheren Wohlbefinden der Schüler geführt habe.

Mehr Bildungsgerechtigkeit werde sie bringen, die Neue Mittelschule, mehr Chancengleichheit für alle Zehn- bis 14-Jährigen, versprach die damalige SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied bei der Einführung der neuen Schulform 2008. Ein Versprechen, das nicht gehalten wurde, wie eine erste Evaluierung nun unter anderem ergeben hat. "Der Beitrag der NMS (. . .) insbesondere zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit ist nach den bisher vorliegenden Daten eher gering", heißt es in dem Bericht, den das Unterrichtsministerium bei der Universität Salzburg, der Universität Linz und der Pädagogischen Hochschule Linz in Auftrag gegeben hat. Die Autoren nennen im selben Atemzug auch den Grund dafür: Beim Eintritt in die NMS seien wesentliche Weichenstellungen bereits getroffen und prägende Einflüsse auf das Vorwissen und das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler hätten bereits stattgefunden und könnten nicht mehr grundlegend modifiziert werden. Das zeigt vor allem eines: dass die Bildungsdebatte in Österreich in die völlig falsche Richtung läuft. Statt über bestmögliche Bildung in Kindergarten und Volksschule zu reden, dreht sich die politische Debatte seit vielen Jahren fast ausschließlich um die gemeinsame Schule für alle Zehn- bis
14-Jährigen. Also um Schüler in einem Alter, in dem die wesentlichen Laufbahnentscheidungen großteils schon gefallen sind.
Auch inhaltlich fiel die NMS, die seit 1. September 2012 ins Regelschulwesen übernommen wurde und nunmehr fast alle Hauptschulen ersetzt, durch. Die Evaluierung hat ergeben, dass NMS-Schüler keine besseren Schulleistungen erbringen als Schüler in den Hauptschulen. Das hat der Rechnungshof bereits vor rund einem Jahr kritisiert - und das obwohl, wie der RH festgehalten hat, der Systemwechsel rund 300 Mill. Euro gekostet habe. Der RH hatte vor allem kritisiert, dass der Schulversuch NMS in die Regelschule übernommen wurde, ohne dass jemals überprüft worden wäre, ob die neue Schulform auch die erhoffte Wirkung zeige.
Dass die Neue Mittelschule ihre Ziele verfehlt hat, liegt auch an den falschen Grundvoraussetzungen, wie es nun im Evaluierungsbericht heißt: Denn die Gesamtschule NMS wurde nicht als Gesamtschule und damit als Ersatz für alle Mittelschulen eingeführt, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen - sprich dem Gymnasium. Jüngst hatte es auf der Homepage des Unterrichtsministeriums noch geheißen, dass Österreich mit der NMS "unterwegs zum internationalen Spitzenfeld in Sachen Schulbildung" sei. Den Satz muss man wohl spätestens jetzt streichen.

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