TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 28.02.2015, Leitartikel von Michael Sprenger: "Die Mutter und die Natur"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Eine 60-jährige Frau hat im Klinikum Wels-Grieskirchen Zwillinge zur Welt gebracht. Die Buben sind wohlauf. Die Fortpflanzungsmedizin macht ein spätes Mutterglück möglich. Über das Problem, neue Realitäten zu akzeptieren.

Das ist doch alles wider die Natur. Grenzen, die die Natur zieht, müssen einfach eingehalten werden. So etwas ist unverantwortlich. Das kann man den Kindern doch nicht antun. So oder so ähnlich lauteten Wortmeldungen über jene 60-jährige Frau, die in einem oberösterreichischen Spital zwei Buben zur Welt gebracht hat. So oder so ähnlich könnte die Argumentation der Wortführer am Stammtisch lauten. Weitestgehende Zustimmung ist ihnen dabei wohl gewiss.
Aber warum eigentlich? Das Ehepaar, der Mann ist 63 Jahre alt, seine Frau 60, haben sich zu einer späten Elternschaft entschlossen. Beide haben bereits eine Tochter. Sie ist drei Jahre alt. Auch in diesem Fall wurde die Frau künstlich befruchtet - da Frauen in so einem hohen Alter keine eigenen befruchtungsfähigen Eizellen mehr besitzen. Eine Eizellenspende ist in Österreich erlaubt. Allerdings hat das neue Fortpflanzungsmedizingesetz hierfür eine Altersgrenze von 45 Jahren vorgeben. Eine Grenze, die durchaus Sinn macht - weil es der natürlichen Fruchtbarkeitsgrenze entspricht. Zudem sind die Risken einer späten Geburt sowohl für Mutter als auch Kind medizinisch belegt. Auch deshalb gibt es für Empfängerinnen von Eizellenspenden auch innerhalb der Europäischen Union Grenzen. Die höchste hat übrigens Spanien mit 50 Jahren. Deshalb weichen ältere Frauen, um ihren Kinderwunsch erfüllen zu wollen, in Länder außerhalb der EU aus. Das eigentliche Problem scheint ein anderes zu sein. Die Fortpflanzungsmedizin schafft neue Realitäten. Das ist schlichtweg zu akzeptieren - oder man lehnt diese neuen Möglichkeiten der Wissenschaft ab.
Aber wenn man sie akzeptiert und zudem weiß, dass heute eine 60-jährige Frau oder ein 60-jähriger Mann agiler sind als in den 1970er-Jahren eine 50-jährige Frau oder ein 50-jähriger Mann, und wenn sich statistisch belegt die Lebenserwartung jenseits der 80-Jahre-Grenze verschoben hat, dann wird mitunter eine spätere Elternschaft immer mehr zur Normalität werden. Daran wird ein moralischer Zeigefinger nichts ändern.
Es muss wohl jede Frau, jeder Mann für sich ausmachen, ob er im Pensionsalter die aufwändigen Aufgaben der Elternschaft übernehmen will. Es dürfen zumindest Zweifel angemerkt werden, ob ältere Eltern wissen, worauf sie sich einlassen. Doch es gilt keinesfalls als ausgemacht, dass Eltern, nur weil sie jünger sind, dieser Aufgabe besser gewachsen sind.

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