Südbahnsperre - Warnung vor weiteren Schließungen: Nebenbahnen sind wertvolle Ausweichrouten

Gewerkschaft vida: Steiermark hat noch die Aspangbahn – Hebenstreit: bei Westbahnunterbrechung könnte Güterverkehr „Totalkollaps“ drohen

Wien (OTS) - "Ohne seine Neben- und Regionalbahnen würde Österreich bei ähnlichen Unglücksfällen wie im steirischen Frohnleiten in Ermangelung brauchbarer Ausweichrouten ein Verkehrskollaps auf der Schiene drohen. Seit Ewigkeiten befahren tonnenschwere Güterzüge die Südbahnstrecke. Gegen Drittverschulden ist man trotz aller Maßnahmen aber nie ganz gefeit", warnt Roman Hebenstreit, Vorsitzender des Fachbereichs Eisenbahn in der Gewerkschaft vida. Hebenstreit fordert deshalb einen Stopp des Aushungerns und Zusperrens weiterer österreichischer Regional- und Nebenbahnen. Bei längeren Streckensperren seien diese Strecken unverzichtbare Verkehrsachsen zur Abmilderung von Beeinträchtigungen auf Hauptstrecken, was jetzt am Beispiel der Steiermark ersichtlich sei. ****

"Das Unglück auf der Strabag-Baustelle der S35 hat die Abhängigkeit des Wirtschaftsstandorts von der Verkehrsinfrastruktur gnadenlos aufgezeigt", so der steirische vida-Gewerkschafter Gernot Acko. "In der Steiermark haben wir glücklicherweise von Graz nach Wien als Ausweichstrecke noch die Aspangbahn in Betrieb gehalten", hält Acko fest: "Diese Umleitung ist für die Steiermark überlebenswichtig." Im Schienengüterverkehr würden auf der Südbahn zwischen Bruck/Mur und Graz bis zu 80 Güterzüge pro Tag geführt. "Sie versorgen den Wirtschaftsmotor des Großraums Graz mit Rohstoffen und exportieren steirische Produkte in alle Welt, vor allem in den Zentralraum der EU", unterstreicht Acko den Stellenwert der Südbahn.

Das Land Steiermark habe die Aspangbahn mit den ÖBB bis 2018 abgesichert. "Jetzt zeigt sich einmal mehr, wie notwendig der Erhalt dieser Strecke ist. Die Arbeiterkammer Steiermark und die Gewerkschaft vida fordern daher, diese Strecke als wichtige Erschließungsbahn für die Oststeiermark und als Bypass für die Südbahn über das Jahr 2018 abzusichern", bekräftigt Acko.

In Niederösterreich könnte sich eine solche Situation wie jetzt auf der Südbahn vergleichsweise dramatisch auswirken, gibt Hebenstreit zu bedenken. "Ich möchte gar nicht daran denken, wenn etwa Fremdeinwirkung einen Unfall auf der Weststrecke auslösen würde." In Ermangelung geeigneter lokaler Bahnausweichtrassen wäre ein "Totalkollaps" für den Güterverkehr vorprogrammiert, so der vida-Gewerkschafter.

Denn hier falle beispielsweise die heute nicht mehr durchgehend zu befahrende Donauuferbahn über die Wachau seit einigen Jahren als Umfahrung der Westbahnstrecke weg. Vergangene verkehrspolitische Fehleinschätzungen und
-entscheidungen hätten dazu geführt, dass diese Bahn heute im Notfall als Umfahrungsroute von Wien nach St. Valentin nicht mehr dienen kann.

Durch die Übernahme ehemaliger ÖBB-Nebenstrecken vor einigen Jahren durch das Land Niederösterreich sei die Donauuferbahn in großen Teilstücken längst im Auftrag des Landes durch den Betreiber NÖVOG plattgemacht und in Radwege verwandelt worden, kritisiert Hebenstreit das finanzielle Aushungern und darauffolgende Zusperren von Nebenbahnen. Das Land Salzburg habe hingegen nach der Übernahme die Lokalbahnen erfolgreich erhalten und in diese investiert.

Die Politik sei nicht zuletzt aufgrund der Ereignisse in Frohnleiten angehalten, fordern Acko und Hebenstreit, ihre Ansichten über den Stellenwert von Nebenbahnen von Grund auf zu revidieren und diese nicht nur als reine Kostenfaktoren zu bewerten. "Um für eventuelle Streckensperren und Katastrophen in Zukunft gut gerüstet zu sein, müssen Neben- und Regionalbahnen erhalten und ausgebaut werden", fordern die beiden Gewerkschafter.

Auch die oft zitierten Kosten für Nebenbahnen würden jetzt in einem anderen Licht erscheinen: Denn wie das Beispiel Steiermark leider vor Augen führe, könnten die Kosten für Ersatzverkehre rasch zu astronomischen Summen anwachsen. Das wirft die Frage auf, ob die Instandhaltung von Ausweichtrassen nicht die sinnvollere und kostengünstigere Variante wäre. Noch dazu, wo das Transportaufkommen auf der Schiene trotz anhaltender Wirtschaftsflaute im Steigen begriffen sei und zahlreiche weitere ausländische Bahnen oder Privatbetreiber insbesondere im Güterverkehr in Österreichs Schienennetz drängen würden, gibt Eisenbahnergewerkschafter Hebenstreit zu bedenken.

Die Länder dürften sich beim Thema Regionalbahnen nicht auf den Bund ausreden. Sie müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Schließlich gehe es hier auch um die Zukunft des ländlichen Raums. "Ich gehe nicht davon aus, dass das Land Niederösterreich und die NÖVOG bei einer nicht hundertprozentig auszuschließenden längeren Unterbrechung der Westbahnstrecke - durch Hochwasser notwendig gewordene Sperren waren in den letzten Jahren ja keine Fiktion - den Gütertransport per Rad oder Karren auf der ehemaligen Trasse der Donauuferbahn, die heute als Radweg dienen muss, ernsthaft als Alternative anbieten wollen?", so Hebenstreit.

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