Presserat: Bildveröffentlichung eines Unfallopfers verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Artikel "Fast 2 Promille! Pilot stürzte mit Leichtflugzeug ab", erschienen in der Oberösterreich-Ausgabe der "Kronen Zeitung" vom 27.07.2014, verstößt laut Senat 1 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Artikel wird davon berichtet, dass ein Leichtflugzeug mit einem Piloten und einem Passagier an Bord bei einem "Geburtstagsflug" abgestürzt sei. Dabei seien der Pilot und der Insasse verletzt worden. Dem Artikel ist ein Hochzeitsfoto des verletzten Passagiers beigefügt, das ihn mit seiner Gattin und seiner Tochter zeigt, wobei die Gesichter der Gattin und der Tochter verpixelt sind, das Gesicht des verletzten Passagiers hingegen nicht.

Der verletzte Passagier wandte sich an den Presserat und kritisiert, dass das Foto ohne seine Zustimmung und ohne sein Wissen verwendet wurde. Er könne sich nicht erklären, wie die "Kronen Zeitung" an sein Hochzeitsfoto gelangt sei. Er fühle sich in seiner Privatsphäre verletzt. Durch die Veröffentlichung des Fotos und weiterer persönlicher Angaben wie z.B. seines Alters und seines Wohnorts sei er als Opfer eines Unfalls für sein Umfeld identifizierbar.

Der Senat bewertet das veröffentlichte Hochzeitsfoto als eine private Aufnahme. Durch die Veröffentlichung dieses privaten Fotos und die identifizierende Berichterstattung wurde die Persönlichkeitssphäre des Betroffenen verletzt. Laut Senat liegt somit ein Verstoß gegen Punkt 5 des Ehrenkodex vor.
Darüber hinaus wurde auch Punkt 8 des Ehrenkodex (Materialbeschaffung) missachtet: Das Hochzeitsfoto wurde vom Betroffenen anscheinend nicht an die Zeitung herausgegeben, sondern von dieser auf eine andere Art und Weise beschafft. Nach Punkt 8.4 des Ehrenkodex ist jedoch bei der Verwendung von Privatfotos die Zustimmung des Abgebildeten einzuholen, es sei denn, an der Wiedergabe des Bildes besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse.
Überwiegende Informationsinteressen, die die Bildveröffentlichung im vorliegenden Fall rechtfertigen könnten, erkennt der Senat nicht.

Der Senat forderte die Medieninhaberin der "Kronenzeitung" auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Bisher hat sich die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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