TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 13. Februar 2015 von Christian Jentsch - Ein bisschen Frieden als vage Hoffnung

Innsbruck (OTS) - Utl: Mit der Ukraine-Krise wuchsen zwischen Europa und Russland neue Mauern in den Himmel, am Horizont droht gar ein neuer Krieg. Vor diesem Hintergrund ist selbst der brüchige Kompromiss von Minsk ein Hoffnungsschimmer.

Rund 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges ist wenig geblieben vom versprochenen Aufbruch in ein neues Zeitalter. Ein Zeitalter, in dem das Blockdenken keine Rolle mehr spielen hätte sollen. Ein Zeitalter, in dem die ideologische Konfrontation zwischen West und Ost begraben und kriegerische Auseinandersetzungen in Europa Geschichte hätten sein sollen. Die Versprechungen von gestern sind heute nur mehr ein leises Echo. Der Blick in die Zukunft ist kein verheißungsvoller mehr, am Horizont brauen sich dunkle Wolken zusammen.
Und leider nein: Wir können uns nicht entspannt zurücklehnen und die Kriege weit weg von unserer Haustür einfach Kriege sein lassen. Denn es braucht nicht viel, damit der Konflikt in der Ukraine zu einem nicht mehr zu kontrollierenden Stellvertreterkrieg auswächst, der ganz Europa mit in den Abgrund zieht. Mit unabsehbaren Folgen für die Stabilität und wirtschaftliche Prosperität des Kontinents. Und dann ist ziemlich schnell Schluss mit lustig. Für uns alle.
Im Krieg zwischen der prowestlichen Regierung in Kiew und den prorussischen Separatisten geht es weniger um das konkrete Konfliktgebiet im Donbass - eine zutiefst zynische Logik angesichts Tausender Tote und verwüsteter Landstriche -, sondern vielmehr um ein Muskelspiel zwischen West und Ost. Russland will die vorangetriebene Westanbindung der Ukraine - Moskau sieht die frühere Sowjetrepublik fix in seiner Einflusssphäre verankert - als Ausdruck der weiteren Ausdehnung der westlichen Einflusszone bis an seine Grenzen nicht akzeptieren. Und Europa, das den Konflikt durch die Assoziierungsverhandlungen mit Kiew mit angestoßen hatte, hält dagegen. Die Ukraine müsse selbst entscheiden können, wohin ihr Weg führen soll. Zwischen den beiden Standpunkten bleibt im Grunde recht wenig Verhandlungsspielraum.
Bei dem Gesprächsmarathon in Minsk fanden die Präsidenten von Russland und der Ukraine - Putin und Poroschenko - unter Vermittlung der deutschen Kanzlerin Merkel und des französischen Präsidenten Hollande dennoch einen Kompromiss, um zumindest das Schlimmste abzuwenden. Ab Sonntag sollen die Waffen schweigen und die schweren Waffen von der Frontlinie abgezogen werden. Mehr war offenbar nicht zu erreichen.
Doch auch ein bisschen Frieden kann ein Anfang sein. Der Anfang in einem Prozess, der Vertrauen schaffen soll. Um neue alte Gräben endlich wieder zuzuschütten.

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