Presserat: Berichterstattung über Flüchtlinge verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Artikel "Aufstand der Flüchtlinge im Polizei-Quartier", erschienen in der Kärnten-Ausgabe der Tageszeitung "Österreich" vom 08.10.2014, verstößt laut Senat 1 des Presserats gegen die Punkte 2 (Genauigkeit) und 7 (Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Artikel wird von einem "Aufstand von Flüchtlingen" in einer Polizeiunterkunft in Villach berichtet, da dort "zu wenig Luxus" vorhanden gewesen sei. Die Flüchtlinge seien wieder abgereist, weil es zu wenige Steckdosen und kein WLAN gegeben habe; auch mit den fixen Essenszeiten seien sie nicht zufrieden gewesen. Ein namentlich genannter Pressesprecher der Polizei wird damit zitiert, dass er die Geschichte bestätige.

Von mehreren Lesern wurde kritisiert, dass eine Anfrage von SOS-Mitmensch bei dem Pressesprecher ergeben habe, dass es keinen "Aufstand" gegeben habe, und dass die Asylsuchenden sich auch nicht darüber beschwert hätten, dass es "zu wenig Luxus" gegeben habe. Der Pressesprecher der Polizei hat dem Presserat auf Anfrage mitgeteilt, dass der Artikel ein verzerrtes Bild des tatsächlichen Sachverhalts zeichne. Dem Autor des Artikels gegenüber habe er mitgeteilt, dass es mit den untergebrachten Asylwerbern kein Problem und schon gar keinen Aufstand gegeben habe. Die Flüchtlinge haben sich auch nicht beschwert, sondern lediglich nach mehr Steckdosen und WLAN gefragt. Außerdem sei es von Anfang an geplant gewesen, die Asylwerber in eine bessere Unterkunft zu verlegen. Die Verlegung sei definitiv keine Folge möglicher Beschwerden gewesen.

Der Senat ist auf Grund dieser Ausführungen der Ansicht, dass der Autor des Artikels gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex verstoßen hat: Die Aussagen des Pressesprechers wurden im Artikel falsch wiedergegeben. Durch die verzerrte Darstellung ist es nach Meinung des Senats aber auch zu einer Pauschalverunglimpfung von Asylsuchenden gekommen (Punkt 7 des Ehrenkodex, Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung). Asylwerber wurden in ein falsches Licht gerückt: Im Artikel wurde ihnen zu Unrecht vorgeworfen, dass sie unangemessene Forderungen gestellt und "rebelliert" hätten.
Der Senat forderte die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND MEHRERER MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund mehrerer Mitteilungen ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

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Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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