TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ritt auf der Rasierklinge, von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom 7. Februar 2015

Innsbruck (OTS) - Nach nur zwei Wochen als Regierungschef Griechenlands muss sich Alexis Tsipras eingestehen, auf der ganzen Linie gescheitert zu sein. Jetzt muss er rasch EU-freundlichere Töne anschlagen, sonst droht seinem Land der Super-GAU.

Alexis Tsipras, Griechenlands neuer Premier, ist ein Mann der schnellen Entschlüsse. Nur einen Tag nach seinem Wahlsieg war der Chef der linksextremen Partei Syriza bereits angelobt, wenig später hatte er mit einer Partei des rechten Randes eine Regierung gebildet. Ob die genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, hängt hingegen weit weniger von Tsipras und seinem Kabinett ab als von den Mächtigen der EU. Auch wenn der neue starke Mann Griechenlands das nicht wahrhaben will.
Tsipras hatte den zum Sparen verdonnerten Griechen eine neue Wirtschaftspolitik versprochen, einen Schuldenschnitt, die Wiedereinstellung von 3500 Beamten und vieles mehr. Trotz gähnend leerer Staatskassen und Rekordverschuldung gelang es ihm, die Menschen von einer glorreichen Zukunft träumen zu lassen und so einen fulminanten Wahlsieg einzufahren.
Nur zwei Wochen und viele weitere leere Versprechungen später ist Griechenland wieder in der Realität angelangt. Und die bedeutet das jähe Ende der Märchenstunde durch Tsipras und Co. Vom erwünschten Schuldenschnitt der EU kann keine Rede sein, im Gegenteil: Die Europäische Zentralbank verschärft die Gangart gegenüber Athen. Und die Verantwortlichen, allen voran Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble, machten ihrem neuen griechischen Gegenüber, Yanis Varoufakis, unmissverständlich klar, dass ohne Kontrolle durch die EU kein Euro mehr gen Süden mehr fließen werde.
Damit sind Tsipras Versprechungen nur zwei Wochen nach der Wahl zerplatzt wie Seifenblasen. Der linke Romantiker, der auf Augenhöhe mit den Geldgebern im Norden der EU über sinnvolle Wege aus der anhaltenden Finanzkrise debattieren wollte, muss sich bereits jetzt eingestehen, auf ganzer Linie gescheitert zu sein.
Europa will und wird Griechenland in dieser schwierigen Phase nicht hängen lassen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Land die eingegangenen Verpflichtungen erfüllt. Das bedingt einen Kurswechsel in Athen. Bisher sind Tsipras und seine Syriza-Fantasten mehr durch europafeindliche Aussagen und Taten - zum Beispiel den Rauswurf der EU-Troika - aufgefallen. Bleiben sie bei ihrer kritisch-ablehnenden Haltung, ist das ein Ritt auf der Rasierklinge. Dann nämlich droht die Zahl jener überhandzunehmen, die Griechenland den Stuhl vor die Tür stellen wollen. Und eines ist klar: Die EU ist auch ohne Griechenland überlebensfähig, Griechenland hingegen würde es ohne die EU schwer haben.

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