TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Pegida kann in Österreich nur scheitern", von Gabriele Starck

Ausgabe vom 3. Februar 2015

Innsbruck (OTS) - Die Bewegung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands" hat hierzulande keine Zukunft. Denn Österreichs Wutbürger müssen nicht auf die Straße gehen. Ressentiments gegen Ausländer artikuliert die FPÖ für sie.

In Deutschland zerfällt Pegida. In Österreich wird die islamfeindliche Straßenbewegung gar nicht erst Fuß fassen. Das liegt vor allem an der Zusammensetzung der Demonstranten. Zwei Drittel der Pegidas in Dresden sind laut einer Untersuchung der dortigen Technischen Universität "besorgte und empörte Bürger", ein Drittel Rechtsextreme, Hooligans und Ausländerfeinde. Beim Auftritt des Wiener Pegida-Ablegers Montagabend dürfte das Verhältnis wohl genau umgekehrt gewesen sein.
Das sagt aber keineswegs etwas über die reale Verteilung in der Bevölkerung aus. In Österreich leben sehr viel weniger Rechtsextreme als Menschen, die sich benachteiligt fühlen. Abgesehen von der fehlenden Reflexion über eine gewisse Eigenverantwortung: Ihre Unzufriedenheit wird durch das Reformunvermögen und die Untätigkeit einer sich zerfleischenden Koalitionsregierung hierzulande zusätzlich genährt und gepflegt. Und so wird aus dem Frust vieler Wut, die sich in Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit manifestiert.
Dafür auf die Straße zu gehen, wie das die Wutbürger in Deutschland tun, bleibt jenen in Österreich allerdings erspart. Krawall auf der Straße überlässt man lieber einer Hand voll linkslinker Jugendlicher, über die sich dann die Empörung der Republik ergießen darf. Die Masse der Verdrossenen muss sich in Österreich nicht selbst aus dem Fenster lehnen. Ihr Megafon ist eine durch Wahlen demokratisch legitimierte Partei - die Freiheitliche Partei Österreichs.
Eine FPÖ, die das Wutbürgertum mit Populismus auffängt, gibt es in Deutschland nicht. Die europakritische AfD (Alternative für Deutschland) würde zwar gerne den Erfolg der Freiheitlichen kopieren, schafft es aber nicht. Auch, weil die AfD in Deutschland ausgegrenzt bleibt. Keine der Parteien ging bislang einen Dialog mit ihr ein und machte sie dadurch salonfähig.
Das erklärt den anfänglich großen Zulauf zu den Pegida-Demonstrationen. Aber nicht nur öffentlich zur Schau getragene Fehltritte der Führung - etwa, dass sich der Gründer Lutz Bachmann als Hitler verkleidet - läuten nun das Ende der Bewegung in Deutschland ein. Es ist vielmehr das Engagement jener Menschen, die sich den Pegidas in beeindruckender Zahl entgegenstellen. Menschen, die für Toleranz, ein Miteinander und Vielfalt eintreten. Ebensolche Menschen haben gestern in Wien die Pegida ausgebremst. Das war ein sehr viel eindrucksvolleres Zeichen als jede rechtsextreme Symbolik.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001