Presserat: Videoblog über Jihadismus kein Ethikverstoß

Wien (OTS) - Ein Seher beanstandete den Videoblog der Reihe "FS Misik" vom 24.08.2014 mit dem Titel "Die Verführungskraft des Jihadismus", veröffentlicht auf "www.derstandard.at".
In der ursprünglichen Version des Video-Blogs sieht man in den letzten Minuten mehrere Szenen, in denen Menschen erschossen werden. Es wird z.B. gezeigt, wie einige Personen aus einem Auto mit Sturmgewehren auf die Insassen eines anderen Autos schießen. Die Erschießungsszenen sind von eher schlechter Bildqualität und größtenteils verpixelt.

Der Senat sieht in den Bildveröffentlichungen keinen Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse und stellte daher das Verfahren ein.

Die derStandard.at GmbH und der Autor des Video-Blogs haben vorgebracht, dass die kritisierten Szenen verpixelt und eindeutig negativ kommentiert gewesen seien. Die Ausschnitte dokumentieren die Brutalität und die Grausamkeit der IS-Krieger und sollen die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Außerdem bestehe ein überwiegendes öffentliches Interesse daran, dass die Bilder gezeigt werden. Aufgrund von negativen Userreaktionen sei das Video trotzdem sehr bald abgeändert worden.
Nach Meinung des Senats zählt der Moment des Todes grundsätzlich zur Privatsphäre des Sterbenden. Die Veröffentlichung von Bildaufnahmen, die einen Menschen in diesem Augenblick und danach zeigen, ist heikel. Dabei spielt auch der Schutz der Menschenwürde des Sterbenden eine Rolle.
Im vorliegenden Fall gibt es allerdings auch Argumente, die für die Veröffentlichung sprechen.
Zum einen wurden die Opfer der IS-Terroristen weitgehend verpixelt. Auf jenen Bildern, die nicht verpixelt wurden, waren sie kaum zu erkennen. Dem Autor des Videoblogs war das medienethische Problem offenbar bewusst. Er hat von vornherein versucht, die Würde der Opfer möglichst zu wahren.
Zum anderen begründet der Autor die Video-Veröffentlichung mit öffentlichen Informationsinteressen. Der Senat kann diesen Standpunkt nachvollziehen: Die Allgemeinheit hat ein berechtigtes Interesse, über die Brutalität und die Gräueltaten des IS informiert zu werden, auch anhand von Bildmaterial.

Bei Kriegen kann es gerechtfertigt sein, der Öffentlichkeit die Brutalität der Geschehnisse vor Augen zu führen, so der Senat weiter. Insbesondere bei Kriegsverbrechen ist es die Aufgabe der Medien, diese aufzudecken und - wie in dem Video-Blog - über die menschenverachtende und kaltblütige Vorgangsweise aufzuklären.

Der Senat weist auch noch auf die Möglichkeit hin, dass zu Beginn eines Videos, in dem brutale Bilder gezeigt werden, die Seher vor den Gewaltszenen gewarnt werden können.

Für den Video-Blog wurde auf Video-Material des IS zurückgegriffen. Die Verwendung von derartigem Propagandamaterial birgt grundsätzlich die Gefahr, dass sich die Medien unfreiwillig zum Gehilfen der Terroristen machen. Da in dem Blogbeitrag die Vorgangsweise des IS klar verurteilt wird, tritt diese Gefahr im vorliegenden Fall jedoch in den Hintergrund.

Zusammenfassend hält der Senat fest, dass im vorliegenden Fall die Interessen der Allgemeinheit an der Veröffentlichung gegenüber den Persönlichkeitsinteressen der Opfer überwiegen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führt der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In dem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung "Der Standard" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der Tageszeitung "Der Standard" hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OPR0001