Presserat: Die Veröffentlichung eines Fotos von Leichen von Mordopfer und mutmaßlichen Täter verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats beschäftigte sich vor kurzem mit der Veröffentlichung eines Fotos zu einem Eifersuchtsmord auf einer Straße in Wien im August dieses Jahres. Das Foto zeigt die Leichen des mutmaßlichen Täters und seiner Ex-Freundin, die auf dem Gehsteig liegen. Unter bzw. neben dem Kopf des Täters und neben dem Körper der Frau sind Blutlachen zu sehen.

Das Bild wurde sowohl in "Heute", als auch in der "Kronen Zeitung" sowie in der Tageszeitung "Österreich gezeigt. Der Senat bewertet die Bildveröffentlichung als Verstoß gegen Punkt 5 des Ehrenkodex für die österreichische Presse (Schutz der Persönlichkeit).

Zum Persönlichkeitsschutz: Jeder Mensch hat nach Meinung des Senats auch über seinen Tod hinaus Anspruch auf Wahrung seiner Würde und seiner Person. Der Senat betont, dass der Moment des Todes dem Bereich der Intimsphäre zuzurechnen ist und im Allgemeinen vor der Neugierde und Sensationslust anderer geschützt werden muss.
Auf dem hier zu prüfenden Bild ist viel Blut zu sehen. Der Täter und das Opfer eines Gewaltverbrechens wurden auf eine Art und Weise visualisiert, die nach Auffassung des Senats entstellend ist. Die Bildveröffentlichung greift in die Intimsphäre und Menschenwürde der Abgebildeten ein, darüber hinaus verletzt sie aber auch die Persönlichkeitsinteressen der Angehörigen der Abgebildeten, die in ihrer Trauerarbeit gestört wurden.

Die betroffenen Medien haben das Bild in unterschiedlichem Ausmaß verpixelt. Der Senat sieht jedoch auch in den verpixelten Varianten einen Verstoß gegen den Persönlichkeitsschutz. Trotz Verpixelung weiß zumindest das Umfeld der Verstorbenen Bescheid, um wen es sich handelt.

Dass die Straftat auf einer öffentlichen Straße stattgefunden hat, kann nach Ansicht des Senats im konkreten Fall nicht als Rechtfertigung vorgebracht werden.

Zur Verantwortung der Medien bei Bildveröffentlichungen: Bilder können eine starke Suggestivkraft entfalten, Medien kommt deshalb laut Senat bei deren Auswahl und Aufbereitung viel Verantwortung zu. Es scheint, dass die drei Tageszeitungen hier bewusst Grenzen überschritten haben, um bei den Leserinnen und Lesern eine Schockwirkung auszulösen oder voyeuristische Interessen zu bedienen. Legitime Informationsinteressen können sie nicht ins Treffen führen, so der Senat weiter.
Die Allgemeinheit hat zwar einen Anspruch darauf, über Kriminalfälle - auch in Bildern - informiert zu werden. Die Veröffentlichung des Bildes war jedoch für das Verständnis der Straftat nicht notwendig. Die bloße Beschreibung des Tathergangs hätte dem Informationsbedürfnis der Allgemeinheit nach Auffassung des Senats Genüge getan.

Der Senat fordert die drei betroffenen Medien auf, die von ihm getroffene Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER BZW. AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
In den vorliegenden Fällen hat der Senat 2 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser bzw. aus eigener Wahrnehmung ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund von Mitteilungen bzw. aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen der Tageszeitungen "Heute", "Kronen Zeitung" und "Österreich" haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberinnen der Tageszeitungen "Heute", "Kronen Zeitung" und "Österreich" haben sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Die Entscheidung im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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