Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 23.Jänner 2015; Leitartikel von Max Strozzi: "EZB spielt ihren letzten Trumpf aus"

Innsbruck (OTS) - Utl: Europas Notenbanker fahren die Notenpresse hoch und pumpen Hunderte Milliarden Euro in den Geldkreislauf. Ohne Reformen vor allem in Krisenländern wird aber auch diese Geldschwemme verpuffen. Die Folgen sind kaum abschätzbar.

Es ist ein Poker mit hohem Einsatz, den das 25-köpfige Gremium der Europäischen Zentralbank spielt. Die EZB will mehr als 1,14 Billionen Euro aus der Notenpresse lassen, um den Banken damit Staatsanleihen abzukaufen, mit dem Ziel, über Umwege die Wirtschaft anzukurbeln und die Deflationsangst zu bekämpfen. Sämtliche Experten scheitern allerdings daran, die Folgen der Maßnahme abzuschätzen. Otto Normalverbraucher scheitert indes schon daran, die Summe einzuordnen:
Bei Hunderten Millionen geht s noch locker, auch kleine Milliardensummen sind irgendwie greifbar. Aber 1,14 Billionen Euro? 1140 Milliarden? Alles nicht mehr normal.
In Europas Wirtschaftskreislauf ist tatsächlich vieles nicht mehr normal. Und ob diese neue EZB-Geldschwemme die Normalität zurückbringen kann, ist fraglich. Europa handelt nach dem Vorbild der USA, wo die US-Notenbank bis vergangenen Oktober Programme in ähnlicher Milliardenhöhe zum Kauf von Staatsanleihen einsetzte, um die Wirtschaft zu stützen. Doch der Vergleich mit den USA hinkt. Die US-Notenbank Fed kaufte etwa nur US-Staatsanleihen, die EZB holt sich Anleihen völlig unterschiedlicher Länder in ihre Bücher, warnen Kritiker. Und ob der jüngste Aufschwung in den USA tatsächlich auf die Notenpresse zurückzuführen ist, lässt sich laut einer Studie gar nicht sagen. Und ob im ganzen US-Erfolgshype nicht doch noch irgendwo eine Bombe schlummert, lässt sich erst in einigen Jahren sagen.
Die EZB spielt in ihrer Not jedenfalls ihre letzte Karte. Alle anderen haben in den vergangenen Jahren kaum gestochen. Die Minizinsen haben Sparer enteignet, das billige Geld hat die Börsen beflügelt und nicht die Realwirtschaft. Vom herbeigeredeten Konjunkturaufschwung durch billige Kredite dagegen ist nichts übrig geblieben. Europas Wirtschaft dümpelt am schmalen Grat der Rezession entlang, das Deflationsgespenst geistert durch die Eurozone.
Mit der neuen Geldschwemme über den - eigentlich für die EZB verbotenen - Kauf von Staatsanleihen hält die Notenbank auch die Zinsen für Problemstaaten niedrig und kauft ihnen damit Zeit, um endlich ihre Reformen durchzubringen. Italien hat beispielsweise begonnen, den extrem strikten Kündigungsschutz zu lockern. Immerhin ein erster Schritt. Und ohne Reformen in sämtlichen Eurostaaten -Stichwort Steuerreform in Österreich - dürften auch die 1140 Mrd. Euro aus der Notenpresse verpuffen. Oder sie pumpen Aktien- und Immobilienblasen auf. Auch keine beruhigende Option.

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