Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 17. Jänner 2015. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Gefährliche Provokation".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der radikale Islamismus ist die größte gesellschaftspolitische Herausforderung unserer Zeit. Anti-Ausländer-Parolen der Hassprediger sind das falsche Mittel, um die drohende Eskalation zu verhindern.

Das Massaker in der Redaktion der französischen Satire-Zeitung Charlie Hebdo in Paris war der Auftakt einer Welle der Gewalt, die seit mehr als einer Woche Europa in ihrem Bann hält. Beinahe täglich laufen neue Horrormeldungen über die Nachrichtenagenturen, werden Menschen getötet, sorgen Großaufgebote von bis an die Zähne bewaffneten Polizisten für mulmige Gefühle bei den Beobachtern. Die Menschen sind geschockt, paralysiert, verängstigt.
Diese Mischung aus Einschüchterung und Aufruhr über die brutalen Anschläge ist ein Nährboden für alle jene, die daraus politisches Kapital schlagen wollen. Rechte Gruppierungen, die immer schon gegen Ausländer waren, denen das Boot immer schon viel zu voll war, nützen die Angst der Menschen schonungslos aus, um Stimmung zu machen. Gegen die Fremden, gegen den Islam. Weil sie dabei ganz bewusst die an und für sich friedliche Religion mit der politischen Bewegung - dem Islamismus - vermischen, deren Anhänger das gesellschaftliche System auf Grundlage ihrer kruden, religiös motivierten Ansichten verändern wollen, legen sie die Lunte an ein Pulverfass. Anstatt Worte mit Bedacht zu wählen, um den gesellschaftlichen Konflikt nicht explodieren zu lassen, schüren sie mit gezielten Provokationen.
Der radikale Islamismus, wie er sich nicht nur in Europa und im Nahen Osten, sondern mittlerweile in allen Teilen der Welt zeigt, ist zweifellos eine der größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Der menschenverachtenden Handlungen seiner Anhänger wegen, aber auch, weil sich immer mehr Hassprediger seiner bedienen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Und um einen Keil zu treiben zwischen Einheimische und Fremde. Die Folge ist ein Freund-Feind-Schema, in dem alles Fremde automatisch feindlich ist.
Es muss gelingen, diese Systematik zu durchbrechen und die tödliche Abwärtsspirale zu stoppen. Die Hetze gegen Ausländer ist das falsche Mittel für dieses schwierige Unterfangen, so viel steht fest. Statt Polemik und Vernaderung braucht es Information, Bildung sowie offene, ehrliche Kommunikation, die - das muss möglich sein - auch zweifellos vorhandene Missstände anspricht und beseitigen hilft. Diese Aufgabe ist zu groß, als dass sie von der Politik allein gestemmt werden kann. Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, die Maßnahmen umsetzen müssen die Menschen selber. Also wir alle.

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