Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 16. Jänner 2015. Von ALOIS VAHRNER. "Schweiz tritt Finanz-Tsunami los".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Das überraschende Ende des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird die Eidgenossen wohl noch sehr teuer zu stehen kommen - wie leider auch sehr viele heimische Häuslbauer.

Internationale Experten waren gestern baff über den plötzlichen Schritt der Schweizer Notenbanker. In der Schweizer Wirtschaft selbst herrscht ob des währungspolitischen Saltos rückwärts eine Mischung aus Entsetzen und Schockstarre.
Die Schweiz hatte vor Jahren einen Mindestkurs des Euro zum Franken festgelegt, mit dem klaren Ziel, eine weitere Aufwertung des Franken und damit eine Schädigung der Schweizer Wirtschaft zu verhindern. Diese Kursgrenze wurde verteidigt, indem Franken verkauft und Euro zugekauft wurden. Dreistellige Milliardenbeträge waren dafür notwendig.
Dass dieser gewaltiger Mitteleinsatz die Schweizer Notenbank bis ans Äußerste gefordert hat, ist ja verständlich. Dass ausgerechnet die Argumente, die zur Einführung der Grenze geführt haben, jetzt überholt seien sollen, ist ein grober Irrglaube. Einen Vorgeschmack, wie die Mechanismen der Märkte sind, setzte es gestern, als der Franken-Kurs fast raketenhaft nach oben schoss und an den Börsen flugs 140 Milliarden Franken an Kurswert mit einem Schlag weg waren. Der Schweizer Franken ist auch heute DIE Krisenwährung schlechthin und Krisensignale und -meldungen gibt es rundum ja zuhauf. Von der Ukraine-Krise, dem Krieg in Syrien, der islamistischen Terrorgefahr in Europa bis hin zu drohenden neuen Euro-Turbulenzen. Ein Blick auf die bevorstehenden Wahlen in Griechenland und deren Folgen bis hin zu einem Euro-EU-Austritt und einem dann unumgänglichen Staatsbankrott der Griechen reicht aus, um die Brisanz der nächsten Wochen und Monate zu sehen.
Die Franken-Währungshüter wollten offenbar nicht länger Feuerwehr mit ausufernden Mitteln spielen. Sie setzen die Schweizer aber damit einem gefährlichen Experiment aus. Der Franken könnte noch um einiges stärker werden, was Exporteure und Tourismus hart treffen würde und zu massiven Absiedlungen von Firmen und einer Verlagerung von Jobs führen könnte. Dazu gibt es die Aussicht auf Minuszinsen und eine Deflation mit sinkenden Preisen und fallender Wirtschaftsleistung. Die so wohlhabende Schweiz könnte so Opfer ihres eigenen Erfolgs werden.
Der vor allem zuletzt nicht ganz so erfolgreiche Nachbar Österreich könnte wie auch andere EU-Länder profitieren - mit mehr Exporten, Firmenansiedlungen und Urlaubern. Wer vom abrupten Schweizer Kurswechsel sicher nicht profitiert, sind viele Häuslbauer. Deren Schulden drohen noch weiter kräftig anzuwachsen.

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