TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 09.01.2015, Leitartikel von Christian Jentsch: "Ein Kampf, der nur Verlierer kennt"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Anschlag von Paris war ein Angriff auf die Freiheit. Doch all jene, die nun den Terrorakt für ihre Zwecke instrumentalisieren und zum "Kampf der Kulturen" aufrufen, spielen mit dem Feuer.

In den schweren Stunden nach dem brutalen Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris, dem am Mittwoch zwölf Menschen zum Opfer fielen, demonstrierten Frankreich und Europa Einigkeit. Man dürfe vor den Terroristen nicht in die Knie gehen, man müsse dem Angriff auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und die Werte der aufgeklärten westlichen Gesellschaft entschlossen und einig entgegentreten. Frankreich rückte zusammen.
Doch diese Einheit im Kampf für eine offene Gesellschaft droht rasch wieder zu zerfallen. Zu viele Rattenfänger arbeiten an ihrer Demontage. Von Seiten radikaler Islamisten, welche den Islam für ihre Barbarei schlicht missbrauchen, ebenso wie von Seiten dumpfer Islamhasser, die den "Kampf der Kulturen" beschwören und eine tiefe Spaltung der Gesellschaft bewusst in Kauf nehmen.
Alle, die versuchen, diesen schrecklichen Anschlag für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren, machen sich schuldig. Schuldig, ein Feuer zu entfachen, das nicht mehr zu löschen ist. Schuldig, den Frieden in Europa leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Schuldig, den Menschen die Konsequenzen dieses Handelns zu verschweigen.
Der Blick auf die Schlachtfelder vor den Toren Europas sollte Warnung genug sein. Der Nahe Osten versinkt in Blut und Elend. Im Namen der Religion wird getötet, versklavt, werden ganze Ethnien und religiöse Minderheiten ausgelöscht. Syrien gleicht mittlerweile einem riesigen Friedhof und der Irak ist längst entlang der ethnischen und religiösen Trennlinien zerfallen. Doch das Feuer wird eifrig weiter geschürt. Wobei die religiösen Fanatiker im weltpolitischen Schachspiel um Macht und Einfluss schlussendlich nichts als willige Bauernopfer sind. Für ganz und gar weltliche Interessen. Auch der Westen mischte und mischt in diesem grausamen Spiel eifrig mit. Und ließ die Förderer jener brutalen, selbst ernannten Gotteskrieger, die in großen Teilen Syriens und des Irak eine brutale Schreckensherrschaft etabliert haben, lange - viel zu lange -gewähren.
Eines ist jedenfalls klar: Wer eine Spaltung der Gesellschaft heraufbeschwört, sehnt sich nach Krieg und Verderben. Europa muss sich ganz anderer Tugenden besinnen, um den Angriff auf seine Werte abzuwehren. Es geht darum, die Freiheit unserer Gesellschaft zu bewahren, Fanatikern das Wasser abzugraben und den Rechtsstaat zu verteidigen. Und nicht darum, neue Mauern aufzubauen.

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