TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 2. Jänner 2015 von Peter Nindler - Vergangenheitsbewältigung

Innsbruck (OTS) - Utl: Der Südtirol-Aktivismus und die Sprengstoffanschläge in den 1960er-Jahren emotionalisieren auch noch mehr als 50 Jahre danach. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Debatte über die Begnadigung von ehemaligen Freiheitskämpfern.

Zum 50. Todestag des Südtirol-Aktivisten Sepp Kerschbaumer wurde im Dezember die Rede eines seiner Weggefährten verlesen. In Abwesenheit hat die italienische Justiz den Pusterer Heinrich Oberleiter zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, der Haftbefehl ist nach wie vor aufrecht. In seiner Gedenkrede schreibt Oberleiter, man lasse sich auch heute nicht in rechts oder links einordnen, denn man habe damals einzig und allein für die Heimat gekämpft. Und im Gegensatz zu den Brigate Rosse sei es den Südtirol-Aktivisten nie darum gegangen, die Rechtsstaatlichkeit anzugreifen. Doch gerade darum geht es bei der Aufarbeitung des Südtirol-Aktivismus in den 1960er-Jahren.
Es sind die Verherrlichungen auf der einen und die pauschalen Verurteilungen auf der anderen Seite, die eine differenzierte historische Bewertung emotionalisieren und erschweren. Rom machte über Jahrzehnte keine Unterschiede zwischen den roten Brigaden und den Südtiroler Freiheitskämpfern, den so genannten Dynamitardi. "Dynamit" war gleich "Dynamit", obwohl die Aktivisten gegen Unterdrückung und die auch nach der Befreiung vom Faschismus vorherrschende Politik der Italianisierung Südtirols gebombt haben. Andererseits wird in der historischen Analyse gern darauf vergessen, dass die Politik der Sprengstoffanschläge mit der Zeit an der Rechtsstaatlichkeit gerüttelt hat und in Extremismus ausgeartet ist. Weil Rechtsextreme und Geheimdienste in Südtirol aufmarschierten. Und dass die Attentate eher den Prozess der Autonomiegespräche behindert denn gefördert hätten, darauf verweist der anerkannte Südtirol-Experte und Historiker Rolf Steininger nach intensivem Quellenstudium.
Deshalb muss bei den erneut diskutierten und geforderten Begnadigungen, die ein Akt der Versöhnung sind, ebenfalls differenziert werden: Heinrich Oberleiter zählt wie seine Mitstreiter von den Pus terer Buam sicherlich zu jener Gruppe von Aktivisten, die mit extremen ideologischen Strömungen nichts zu tun hatten. Doch es gab natürlich die anderen, für die sich nach wie vor patriotische Scharfmacher diesseits und jenseits des Brenners starkmachen. Nicht das friedliche Miteinander der Volksgruppen in Südtirol ist ihre Motivation, sondern Zuspitzung und Feindbildpolitik mit Italien. Hier fehlt nach wie vor die Einsicht zur Aussöhnung.
Sosehr die Begnadigung für einige ehemalige Südtirol-Aktivisten längst überfällig ist, von einer historischen Aufarbeitung kann sie nicht losgelöst werden.

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