TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Raus aus der Online-Steinzeit", von Nina Werlberger

Ausgabe vom 30. Dezember 2014

Innsbruck (OTS) - Datendiebe können Fingerabdrücke von Fotos lesen und Augenscanner knacken. Möglich ist der grassierende Datendiebstahl durch laxe Gesetze, gutgläubige Internetnutzer und schlecht gesicherte Unternehmen.

Hacker können neuerdings Fingerabdrücke von Handyfotos kopieren und Augenscanner austricksen. Das wirft bedrückende Fragen auf: Wenn Profis mit einer Latex-Fälschung einen Fingerabdruck-Sensor überwinden können, was bedeutet das für die Bürger? Für die Forensik? Für die Sicherheit von Pässen? Was ist ein Fingerabdruck noch wert, wenn er von einem Bild auf Facebook heruntergezogen werden kann? Die Antworten sind unerfreulich für alle, denen ihr Persönlichkeitsschutz wichtig ist: Das Horrorszenario der Datenschützer ist Realität geworden. Das hat vor allem drei Gründe: Die Gesetze sind zu lax. Die Menschen gehen zu sorglos mit ihren Daten um. Und die Firmen tun zu wenig für den Datenschutz.
Rechtlich steckt Europa in der Online-Steinzeit fest. An der sogenannten Datenschutzgrundverordnung feilen die 28 EU-Länder seit Jahren. Sie soll die fast 20 Jahre alten EU-Regeln an das Internetzeitalter anpassen. Am Ende sollen einheitliche Standards stehen, wie Behörden oder Firmen Daten der Bürger schützen müssen und inwieweit Spuren im Internet kommerziell genutzt werden dürfen. Einigung: nicht in Sicht. Parallel dazu sind die Staaten von den USA abwärts mit ihren Geheimdiensten vorne mit dabei, wenn es darum geht, die Bürger systematisch auszuspähen. Dem uferlosen Datensammeln muss mit härteren Gesetzen begegnet werden.
Paradoxerweise verhalten sich viele Bürger noch immer so, als wäre das Internet ein Hort der Liebenswürdigkeit und ein rechtsfreier Raum. Dem technologischen Fortschritt wird unkritisch gehuldigt. Nur wenige Social-Media-Nutzer denken sich etwas dabei, Selfies oder Babybilder auf unverschlüsselten Plattformen zu posten. Damit säen sie das Feld, auf dem findige Datendiebe grasen. Alltäglichkeiten wie Online-Banking oder kontaktloses Bezahlen sind praktisch - aber sie sind ein zweischneidiges Schwert. Denn sie erfordern ein gesteigertes Bewusstsein für den Wert der eigenen Daten. Dass es daran einen eklatanten Mangel gibt, zeigt nichts besser als die beliebtesten Passwörter der Nutzer: Diese sind "123456" gefolgt von "Passwort". Gefordert sind neben den Nutzern aber auch die Unternehmen, ihre Systeme nach außen und nach innen sicherer zu machen. Datenklau von Passwörtern, Adressen und Kreditkarteninfos treffen Konzerne ebenso regelmäßig wie Mittelständler. Internetkriminalität ist weltweit auf dem Vormarsch. Um sie effektiv zu bekämpfen, braucht es ein radikal geschärftes Bewusstsein - bei Politikern, Bürgern und Unternehmen.

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