Görtschitztal: HCB-Belastung in Muttermilch dreifach über Referenzwert

Gesundheitsexperten bezeichnen Wert als normal. GLOBAL 2000 fordert lückenlose Aufklärung.

Wien/Kärnten (OTS) - Der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 wurde dieses Wochenende das Untersuchungsergebnis einer Görtschitztaler Muttermilchprobe zur Beurteilung vorgelegt. Berechnet auf den Milchfettgehalt beträgt die HCB-Belastung dieser Probe zwischen 0,1 und 0,3 Milligramm pro Kilogramm Milchfett (mg/kg Fett), wobei die hohe Schwankungsbreite aus der vom AGES-Untersuchungslabor ausgewiesenen Messungenauigkeit von plus/minus 50 Prozent resultiert. "Egal ob 0,1 oder 0,3 Milligramm, eine Belastung in dieser Höhe ist inakzeptabel. Der deutsche Referenzwert für HCB in Muttermilch, der definitionsgemäß so festgelegt wird, dass 95 Prozent aller (deutschen) Muttermilchproben unter diesem Wert liegen, beträgt nämlich 0,06 mg/kg Milchfett", erklärt Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei GLOBAL 2000: "Es ist zweifellos unerfreulich für die leidgeprüften BewohnerInnen des Görtschitztals, kurz vor dem Weihnachtsfest mit einem Ergebnis wie diesem konfrontiert zu werden. Gleichzeitig ist es für stillende Mütter wichtig, über mögliche Risiken informiert zu sein, um die Entscheidung zwischen Stillen und Fläschchen aufgrund seriöser Informationen treffen zu können."

Bei der vorliegenden HCB-Belastung der Muttermilch zwischen 0,004 und 0,012 mg/kg nimmt ein Säugling pro Kilogramm Körpergewicht und Tag bis zu 0,002 Milligramm HCB auf (0,002 mg/kg/d). Diese Dosis liegt viel zu nahe bei jener Menge, die gemäß Risikobewertung der AGES im Fütterungsversuch bei Ratten Leberschäden und Blutbildveränderungen hervorrief (0,02 mg/kg/d) bzw. noch näher bei jener Dosis, die bei Affen Veränderungen der Eierstöcke verursachte (0,01 mg/kg/d). "Übrig bleibt nur mehr ein "Puffer" von Faktor 10 bzw. Faktor 5. Das ist zu wenig", warnt Burtscher: "In Anbetracht der deutlich erhöhten Empfindlichkeit des kindlichen Organismus und der hormonschädigenden und krebserregenden Eigenschaften von HCB wäre ein Sicherheitsfaktor von 1000 - wie von der AGES ursprünglich festgesetzt - mehr als angebracht."

Aufklärungsbedürftig ist, weshalb die junge Mutter weder mit dem Prüfbericht der AGES noch im Schreiben der Gesundheitsbehörden des Landes Kärnten über die Auffälligkeit des HCB-Werts informiert wurde. "Ich bekam das Untersuchungsergebnis vom Amt der Kärntner Landesregierung, Institut für Lebensmittelsicherheit, per E-Mail vorerst ohne weitere Erklärung zugestellt", sagt die junge Mutter Frau M: "Auch am Telefon konnte mir bislang niemand sagen, was dieses Ergebnis für mich und mein Baby bedeutet. Stattdessen wurde auf den Wiener Umweltmediziner Professor Kundi als zuständigen Experten verwiesen. Herr Kundi teilte meinem Vater am Rande jener Informationsveranstaltung des Landes Kärnten, bei der uns allen garantiert wurde, dass niemand einem Gesundheitsrisiko durch HCB ausgesetzt sei, dass mein HCB-Wert im normalen Bereich läge. Vergleichswerte aus Bayern lägen sogar deutlich höher."

Wie es passieren kann, dass eine junge Mutter, die wissen will, ob das Stillen für ihr Baby mehr Risiken als Vorteile bringt, derart unzulänglich informiert wird, ist eine Frage, die noch einer Klärung bedarf. Ungewöhnlich ist jedenfalls, dass im AGES-Prüfbericht der HCB-Messwert anders als üblich auf die Gesamtprobe und nicht auf deren Fettgehalt bezogen wurde. Anstelle von 0,2 mg/kg Fett steht somit im AGES-Prüfbericht "Hexachlorbenzol 0,008 + 0,004 mg/kg". Vergleicht man diesen Wert mit dem deutschen Referenzwert von 0,06 mg/kg Fett oder mit Vergleichswerten aus anderen Ländern, die zumeist zwischen 0,005 und 0,03 mg/kg Fett liegen, scheinen diese 0,008 mg/kg auf den ersten Blick tatsächlich unauffällig zu sein.
Und noch ein Punkt: Führt man im vorliegenden Fall für den sechs Kilogramm schweren Säugling unter der Annahme einer täglichen Muttermilchaufnahme von einem Liter eine Risikobewertung anhand der von der AGES im Jahr 2008 festgesetzten "duldbaren täglichen Aufnahme" (DTA = 0,01 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag) durch, so ergibt sich für das Baby eine 200-fache Überschreitung der duldbaren täglichen Aufnahme! Doch auch erwachsene Frauen und Männer, sowie Schulkinder, die sich im vergangenen Jahr regional von Görtschitztaler Milch- und Fleischprodukten ernährt hatten, überschritten laut den in der aktuellen AGES Risikobewertung angewendeten Verzehrsdaten die von der AGES festgelegte duldbare tägliche Aufnahme um das zehn- bis 70-fache. Dennoch geben die Gesundheitsexperten bislang Entwarnung. "Es drängt sich zusehends der Eindruck auf, als ginge es manchen Verantwortlichen weniger um den Schutz der Menschen als um deren Beruhigung mit allen Mitteln. Das ist inakzeptabel", meint Burtscher: "Es ist ein grundlegendes Menschenrecht, über mögliche Risiken wahrheitsgemäß informiert zu werden. Verharmlosung ist hier genauso wenig angebracht wie Panikmache."

Stillen hat gegenüber künstlicher Säuglingsnahrung viele Vorteile für Mutter und Kind. Dazu zählt neben dem emotionalen Aspekt auch der Schutz vor Infektionen sowie andere positive Langzeiteffekte. Diesen Vorteilen stehen nun aber mögliche Nachteile durch die erhöhte HCB-Belastung gegenüber. Die Abwägung zwischen positiven und möglichen negativen Effekten ist schwierig und liegt nicht im Aufgabenbereich einer Umweltschutzorganisation. Hier sind andere ExpertInnen und Institutionen gefordert, allen voran die österreichische Stillkommission. Deren Aufgabe wird es sein, nach sorgfältiger Prüfung der Datenlage und unter Berücksichtigung des heutigen Wissensstands, insbesondere der beschriebenen hormonschädigenden Eigenschaften von HCB, eine Risikoeinschätzung abzugeben. Hilfreich für eine individuelle Risikobeurteilung wäre jedenfalls die Bestimmung des Fettgehalts sowie eine deutliche Reduktion der gegenwärtigen analytischen Schwankungsbreite von plus/minus 50 Prozent durch das AGES-Untersuchungslabor.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren HCB-Konzentrationen von 0,2 mg/kg Fett und mehr in Muttermilch keine Ausnahme. Das war auch einer der Hauptgründe, weshalb HCB ebenso wie Lindan, DDT und neun weitere Schadstoffe als bislang einzige Chemikalien mit einem weltweiten Verbot belegt wurden. Mit dem erfreulichen Effekt, dass seither ihre durchschnittlichen Konzentrationen in der Muttermilch weltweit stark rückläufig sind. "Entschlossenes Handeln der Politik kann also positive Effekte für Mensch und Umwelt bewirken. Politik und Behörden müssen nun rasch den Opfern des Kärntner Umweltskandals mit Rat und Tat zur Seite stehen. Verharmlosung und Vertuschung hilft niemandem, außer jenen, die für den Schaden verantwortlich sind", so Burtscher abschließend.

Untersuchungen von Muttermilch auf HCB sind unkompliziert durchzuführen und werden sowohl vom Land Kärnten als auch von privaten Instituten, wie beispielsweise dem "Medizinischen Labor Bremen", welches für Blut- und Muttermilch-Untersuchungen auf HCB akkreditiert ist, angeboten.

Quellen:
1.) Muttermilch-Prüfbericht der AGES: http://bit.ly/1rcg2Yc
2.) AGES-Risikobewertung zu HCB aus 2008:
www.dafne.at/prod/dafne_plus_common/attachment_download/7c0a8ab1ed87d a616b7313a5ab634da8/Endbericht_HCB.PDF
3.) Aktuelle AGES-Risikobewertung zu HCB (Anwendung US-amerikanischer Standards):
www.ages.at/uploads/media/Risikobewertung_HCB__K%C3%A4rnten__2014_12_ 01.pdf
4.) NGO-Stellungnahme zur AGES-Risikobewertung: http://bit.ly/1uMESt3

Rückfragen & Kontakt:

GLOBAL 2000 Umweltchemiker: DI Dr. Helmut Burtscher, Tel.: 0699/14 2000 34, E-Mail: helmut.burtscher@global2000.at
GLOBAL 2000 Pressesprecherin: Mag. Lydia Matzka-Saboi, Tel.: 0699/14 2000 26, E-Mail: presse@global2000.at

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