TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ärzte haben gute Karten im Gehaltspoker", von Anita Heubacher

Ausgabe vom 18. Dezember 2014

Innsbruck (OTS) - Mit zehnjähriger Verspätung soll Österreichs Ärztearbeitszeitgesetz EU-konform werden, die Grundgehälter der Mediziner sind es aber nicht. Das stellt Spitalserhalter vor ein riesiges Problem und legt die Fehler im System offen.

Es ist typisch österreichisch. Als hätte man vergessen, dass man 2003 der EU-Richtlinie zum Ärztearbeitszeitgesetz zugestimmt hat, reagiert die Bundesregierung im letzten Abdruck und verabschiedet im Herbst 2014 das neue Ärztearbeitszeitgesetz, bevor es am 1. Jänner 2015 in Kraft treten muss. Und es wäre nicht Österreich, hätte man sich nicht eine Übergangsfrist bis 2021 ausverhandelt. Motto: Wir machen schon - aber zuerst einmal weiter wie bisher.
Jetzt sieht es so aus, als hätte sich die Politik verkalkuliert. Denn die Ärzteschaft macht der Verschiebetaktik einen Strich durch die Rechnung. In unterschiedlicher Intensität, je nach Bundesland, aber ziemlich einheitlich steigen die Ärzte auf die Barrikaden und wittern Morgenluft im Gehaltspoker. Die EU-Richtlinie und damit auch das nationale Gesetz sieht eine Reduktion der Arbeitszeit auf "nur" 48 Stunden vor. An Österreichs Kliniken sind aber 60-Stunden-Wochen und mehr der Schnitt. Tirol liegt da besser.
Weniger Arbeit, weniger Geld - ist eine einfache Rechnung. Die aber in dem Fall nicht aufgehen kann, weil das Grundgehalt der österreichischen Ärzte zu niedrig und alles andere als EU-wettbewerbsfähig ist. Wie kommts, dass ein Mediziner nach jahrelanger Ausbildung ein bescheidenes Grundgehalt hat? Auch das ist typisch österreichisch: Es gibt zwar keine Zweiklassenmedizin, das Geld aus den Privatversicherungen subventioniert aber die Spitäler und wird in Ärztegehälter einkalkuliert. Arbeitgeber Bund und Land sparen sich damit einen Haufen Geld. Das System hat jahrelang funktioniert. Jetzt krankt es allerdings an allen Ecken und Enden. Ärztemangel am Land und im Spital; von 1400 Ärzten, die in Österreich pro Jahr ausgebildet werden, wandert jeder zweite ab oder geht in seine Heimat zurück. Eine Generation an Ärzten, die gar nicht mehr rund um die Uhr operieren will. Ein hoher Bedarf an Teilzeitjobs. Und jetzt noch verkürzte Arbeitszeiten, die ein Mehr an Personal erfordern. Das ist eine Mischung, die die Ärzteschaft in eine gute Ausgangsposition befördert, mit der Forderung nach einem höheren Grundgehalt durchzukommen. In Tirol wird die Position der Ärzteschaft nur dadurch geschwächt, dass erst im November-Landtag ein neues Gehaltsschema für die medizinischen Mitarbeiter des Spitalsträgers Tilak abgesegnet wurde. Das gesamte Paket hat der Betriebsrat mitgetragen und begrüßt.

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