Lehre mit dem österreichischen Bildungssystem besser verschränken

Diskussionsbeiträge zur Bundesrats-Enquete "Die Duale Ausbildung in Österreich"

Wien (PK) - An die Fachreferate der Bundesrats-Enquete (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 1232) über die Perspektiven der Dualen Ausbildung in Österreich schloss sich eine Diskussionsrunde. An ihr nahmen neben Bundesrätinnen und Bundesräten sowie Nationalratsabgeordneten auch VertreterInnen der Landtage, der Berufsschulen und der Landesschulinspektionen teil. Der Erkenntnisgewinn aus den Redebeiträgen der ExpertInnen wurde dabei als sehr hoch bewertet. Die Duale Ausbildung sei ohne Zweifel ein bewährtes System, aber aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen müsse man sich mit vielen neuen Fragen auseinandersetzen und das Image verbessern, so der Tenor.

Die Umsetzung der in der Enquete aufgezeigten Punkte stelle eine Herausforderungen an die Politik dar, resümierte Bundesratspräsidentin Ana Blatnik die Diskussion. Die Jugend sei gewillt, die Chancen, die sich ihr in der Berufsausbildung bieten, zu ergreifen. Die Politik müsse bereits sein, sie dabei zu unterstützen.

Österreich muss seine Talente fördern

Als wesentlicher Faktor für das Funktionieren der Dualen Ausbildung in der Praxis wurde die Zusammenarbeit zwischen der regionalen Wirtschaft und den Berufsschulen genannt. Hier werde Sozialpartnerschaft gelebt, unterstrich Bundesrat Gottfried Kneifel (V/OÖ). Österreich könne es sich nicht leisten, Talente zu verlieren. Bundesrat Günther Köberl (V/OÖ) hob den Wert der Zusammenarbeit mit den Betrieben für die Polytechnischen Schulen hervor. Wichtig sei, SchülerInnen früher und intensiver Angebote der Berufsorientierung zu geben, als es jetzt oft der Fall sei. Notburga Astleitner, Landtagsabgeordnete aus Oberösterreich, verwies darauf, dass in dieser Frage die Rolle der Eltern nicht außer Acht gelassen werden dürfe, auch sie müssten in diese Zusammenarbeit von Betrieben und Schulen eingebunden werden.

Die Rolle der Eltern sprach auch Brigitte Jank, die Bildungssprecherin der ÖVP im Nationalrat, an. Man müsse den Eltern klar machen, dass eine Lehre die Bildungskarriere nicht verbaue, sondern das Gegenteil der Fall sei. Als wichtigen Aspekt hob sie die Stärkung der Schulautonomie hervor. Alfred Lehner, Direktor der Neuen Mittelschule Markt Allhau, berichtete vom Beispiel der Bildungsregion Südburgenland. Dort werde vor Ort versucht, die angesprochenen Probleme zu lösen, sagte er. Seiner Erfahrung nach stellt die Vernetzung der Bildungseinrichtungen einen wichtigen Aspekt in der Förderung von Talenten dar.

Zukunftsfähige Berufsausbildung - eine Herausforderung für Berufsschulen

Für Bundesrat Stefan Schennach (S/W) ist Mobilität ein wichtiger Faktor für die Zukunft der Dualen Ausbildung. Die Entwicklungen in den Bereichen Energie oder neuer Technologien würden sich noch nicht in modernen Lehrberufen abbilden. Bundesrat Franz Perhab (V/St) sagte, AbsolventInnen im Bereich der Tourismusberufe seien zwar im Ausland sehr geschätzt und erfolgreich. In Österreich gebe jedoch ein zunehmendes Problem, Lehrlinge zu finden. Perhab wandte sich dabei gegen Forderungen einer Verlängerung der Berufsschulausbildung. Es gelte auch die Bedürfnisse der Betriebe zu berücksichtigen, sagte er.

Der Wiener Landtagsabgeordnete Peter Florianschütz befand hingegen, dass die Berufsschulstunden im Allgemeinen eher knapp bemessen sind. Das Modell der Lehre mit Matura stelle hohe Anforderungen und sei nur für einen kleinen Teil der Lehrlinge eine tatsächliche Option. Auch Dietmar Vollmann, als Vertreter des Landesschulrats für die Steiermark, meinte in diesem Zusammenhang, die Länge der Berufsschulzeiten sei ein Punkt, den man neu bewerten müsse. Landesschulinspektorin Gerlinde Pirc, Vertreterin des Landesschulrats Oberösterreich, stellte fest, das Stundenpensum der Berufsschulen sei zu hinterfragen. Es gebe zu wenig zeitlichen Spielraum, um SchülerInnen spezielle Förderung angedeihen zu lassen.

Das Image der Lehre im gesamten Bildungssystem verbessern

Die Verbesserung des Images der Lehre stand im Mittelpunkt mehrerer Wortmeldungen. Dabei wurde eine Angleichung der Ausbildungsniveaus in der Berufsausbildung und bei der akademischen Bildung hervorgehoben. Judith Roth als Vertreterin der LehrerInnen von Berufsschulen verwies auf die Bestrebungen, berufliche Qualifikationen anzugleichen. Die theoretischen Forderungen, die im Europäischen und im Nationalen Qualifikationsrahmen ausgedrückt sind, etwa dass ein Meisterabschluss dem Niveau eines Master entspricht, sollte bald realisiert werden. Auch Anton Mattle, Vizepräsident des Tiroler Landtags, sah im Nationalen Qualifikationsrahmen eine große Chance für die Duale Ausbildung.

Grundsätzliche Fragen des Bildungssystems sprach auch Bundesrätin Monika Mühlwerth (F/W) an. Viel Potenzial für spätere Lehrberufe gehe leider bereits in der Grundschulbildung verloren. Immer noch gebe es zu viele Jugendliche, die nach der neunten Schulstufe keine weitere Ausbildung beginnen, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Schulbildung mangelhaft sei. Grundlegende Kulturkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen müssten wieder stärker gefördert werden und Tugenden wie Selbstdisziplin einen höheren Stellenwert bekommen.

Nationalratsabgeordneter Rouven Ertlschweiger (T) sagte, Österreich stehe vor der Herausforderung, qualifizierte Fachkräfte für eine neue industrielle Realität zu finden. Die Begeisterung für MINT-Fächer müsse so früh wie möglich geweckt und unterstützt werden. FPÖ-Abgeordneter Christian Höbart meinte, es müsse mehr Bewusstsein geschaffen werden, dass erfolgreiche Berufskarrieren gerade im Unternehmensbereich nicht nur über eine akademische Ausbildung erreicht werden können. Österreich brauche den Mut zur Förderung von besonderen Talenten und zu einer richtig verstandenen Elitenförderung.

Bundesrätin Heidi Reiter (G/S) sah ein zentrales Problem des österreichischen Bildungssystems darin, dass immer noch die Matura als "Eintrittsschein in die Gesellschaft" verstanden werde. Ein wichtiger Schritt, damit Talente nicht verloren gehen, war für Reiter die gemeinsame Schule bis 14 Jahren. Um das Image von Lehrberufen zu verbessern, müsse man nicht zuletzt bei dem Begriff Arbeit ansetzen, meinte sie. In der Politik sei die Diskussion der letzten Jahrzehnte dazu noch nicht angekommen.

Die Rolle von gendersensibler Pädagogik im Bemühen, Mädchen für technische Berufe zu begeistern und mehr Gerechtigkeit im Beruf zu erreichen, hob Bundesrätin Susanne Kurz (S/S) hervor. Wolle man Stereotypen der Berufswahl durchbrechen, müsse man bereits im Kindergarten ansetzen, sagte sie.

SPÖ-Abgeordnete Elisabeth Grossmann resümierte, die Berufsschulen spielten eine wichtige Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie seien auch ein Ort der Persönlichkeitsentwicklung. Die zahlreichen Anregungen, die die Enquete gebracht hat, sollten im Unterausschuss des Unterrichtsausschusses des Nationalrats aufgenommen werden, sagte Grossmann und regte eine zusätzliche Sitzung des Unterausschusses zu diesem Zweck an. (Schluss) sox

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