Presserat: "Kronen Zeitung" schürt Ressentiments gegenüber Flüchtlingen

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats überprüfte vor kurzem die Schlagzeile "Salzburger Mindestrentnerin muss aus Wohnung raus, weil Asylwerber kommen - Für Flüchtlinge Frau gekündigt" sowie den dazugehörigen Artikel "Rauswurf wegen Flüchtlingen", beide erschienen in der "Kronen Zeitung" vom 04.09.2014.

Die Veröffentlichungen verstoßen nach Ansicht des Senats gegen die Punkte 2.1 (Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten) und 7 (Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Artikel wird darüber berichtet, dass der Mietvertrag einer 72-jährigen Mindestrentnerin von der "Heimat Österreich" gekündigt bzw. nicht verlängert worden sei, da die Wohnung für Flüchtlinge benötigt würde. Zwei Nachbarn der Frau, Flüchtlingen aus Nepal, sei es ebenso ergangen, diese hätten Ende August 2014 ihre Wohnung räumen müssen. Die "Heimat Österreich" wird damit zitiert, dass es sich bei diesen Wohnungen um Starterwohnungen für Flüchtlinge handle, deren Verträge nach drei Jahren enden. In den Artikeln wird angemerkt, dass für Kenner der Asylpolitik die Sache klar sei, da man mit Flüchtlingen in den Wohnungen 2300 bis 3000 Euro im Monat verdienen könne.

Der Senat sieht in dieser Veröffentlichung einen Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex, da den Großteil des Artikels hindurch und auch auf der Titelseite der Eindruck erweckt wird, dass die betroffene Mindestrentnerin die Wohnung verlassen müsse - obwohl am Ende geschrieben wird, dass sie in der Wohnung bleiben könne. Zudem wird widersprüchlich berichtet, dass der Mietvertrag einerseits gekündigt, andererseits nicht verlängert werde. Schließlich wird manchmal von Flüchtlingen, manchmal von Asylwerbern gesprochen.

Der Bericht erweckt überdies bei den Leserinnen und Lesern Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, indem ein angeblicher "Rauswurf" einer Mindestrentnerin aus ihrer Wohnung wegen eines Bedarfs für Flüchtlinge geschildert wird und eine angebliche Geschäftemacherei mit der Unterbringung von Asylwerbern in derartigen Wohnungen in den Bericht eingewoben wird. Darin erkennt der Senat einen Verstoß gegen Punkt 7 des Ehrenkodex (Schutz vor Pauschalverunglimpfungen).

Der Senat forderte die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.
Die Entscheidung im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND MEHRERER MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht.

Die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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