TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 11. Dezember 2014, von Florian Madl: "Olympia ist keine Ho-Ruck-Entscheidung"

Innsbruck (OTS) - Die Handreichung der olympischen Bewegung an kleine Nationen mag symbolträchtig sein. Aber selbst den olympisch geprägten Tirolern würde für eine neuerliche Bewerbung nach Jahren des Gigantismus das Vertrauen fehlen.

Wenn der neue Präsident der olympischen Bewegung alle einlädt, sich nach einer Serie von Regime-Spielen wieder zu bewerben, lachen demokratisch ausgerichtete Länder lauthals. So schnell können Korruption, Bausünden und 50-Milliarden-Veranstaltungen nicht vergessen sein, als dass man sich wieder mir nichts dir nichts in der olympischen Familie heimelig fühlen könnte. Erst brüskieren, dann fraternisieren? Nicht mit uns.
Das gilt nicht zuletzt und vor allem für Tirol, wo das Stichwort Olympia historisch bedingt keinen kaltlässt. Drei Winterspielen (1964, 1976 und die Jugendspiele 2012) stehen drei erfolglose Versuche gegenüber, erneut ins Bewerbungsrennen einzusteigen. Das eine Mal waren höhere Mächte im Spiel (Lobbyismus), die das verhinderten. Und das andere Mal war es die höchste aller Mächte: das Volk, das sich nicht ins Bockshorn jagen lassen wollte und seine Zustimmung verweigerte.
Es entspricht ein Stück weit dem Wesenszug der Tiroler, Dinge von vornherein etwas kritischer zu betrachten als der Rest Österreichs. Aber auch die Skepsis ist historisch bedingt: Knapp zwei Dutzend Großveranstaltungen seit der Jahrtausendwende ließen die Euphorie der Bevölkerung sinken. Man hatte bisweilen das Gefühl, es ginge nicht um die Tiroler auf der Weltbühne, sondern um Tiroler Politiker im Wahlkampf. Augenscheinlich wurde das im Zuge der Fußball-Europameisterschaft 2008, die mit großen baulichen Veränderungen und Kosten, vor allem aber mit Nachwehen (Budgetexplosion) einhergegangen waren.
Karl Stoss, Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees, fand kürzlich eine gemeinsame Bewerbung von Tirol mit Südtirol oder Bayern "charmant". Doch diesem Charme erliegen die Leute hierzulande wohl nur, wenn den vollmundigen Spar-Ankündigungen des Internationalen Olympischen Komitees auch Taten folgen. Dass allein die erfolglose Bewerbung Münchens für Olympische Winterspiele 2018 knapp 40 Millionen Euro verschlang, will in Zeiten eingefrorener (oder aufgeweichter und gekürzter) Budgets keiner mehr verstehen. Und weil Olympia-Bestrebungen über politische Amtsperioden hinausgehen, wird diese heiße Kartoffel vorerst wohl keine Partei ernsthaft anfassen.
Das Bekenntnis zu Olympischen Spielen kann also niemals der Tagespolitik entspringen. In diesem Fall siegt beim Bürger stets die Vernunft.

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