TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 28.11.2014, Leitartikel von Mario Zenhäusern: "Vorwärts in den Abgrund"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Das ambitionierte Projekt einer bürgerlichen Alternative zur Tiroler ÖVP hat sich in zwei bedeutungslose Häufchen gespalten, die sich gegenseitig mit existenzbedrohenden Klagen eindecken. Ein bürgerliches Trauerspiel.

Als Herausforderer der seit Jahrzehnten regierenden ÖVP war Vorwärts Tirol im Landtagswahlkampf 2013 angetreten, als bessere Schwarze wollten die Mitglieder des Gründungstriumvirats, Anna Hosp, Hans Lindenberger und Christine Oppitz-Plörer, die Macht im Land übernehmen. Eineinhalb Jahre später ist die Partei, die so viel bewegen wollte, erstarrt in internen Machtkämpfen und gegenseitigen Klagen rund um die Bezahlung offener Wahlkampfrechnungen. Vorwärts Tirol scheint am Ende zu sein.
Überraschend ist der noch dazu in aller Öffentlichkeit zelebrierte Kollaps nicht. Bereits bei der Frage, wer denn im Falle eines Erfolges am Wahltag den Platz an der Sonne einnehmen sollte, konnte sich das Spitzentrio nicht einigen. Das nachfolgende Gerangel um die vier gutbezahlten Sitze im Landtag ist ebenso noch in unangenehmer Erinnerung wie der Streit um die Gültigkeit von Generalversammlungen und Ähnliches. Die nunmehrige Spaltung zwischen Landtagsklub auf der einen und Partei auf der anderen Seite ist nur die logische Konsequenz aus dieser Fehlentwicklung. Wer sich wie die handelnden Personen ständig mit Misstrauen gegenübersteht, der riskiert irgendwann den offenen Konflikt. Und wer nicht in der Lage ist, interne Probleme rasch, endgültig und zur Zufriedenheit aller zu lösen, wird schneller von der Bildfläche verschwinden, als manchem Beteiligten lieb ist. Bestes Beispiel dafür ist das Team Stronach, nach dem in Tirol kein Hahn mehr kräht.
Angesichts der jüngsten Entwicklung und des anhaltenden Hickhacks ist man geneigt, allen Betroffenen "Es reicht!" zuzurufen - auch wenn dieser Sager seinem Erfinder, dem damaligen VP-Chef Willi Molterer, kein Glück brachte. Gerechtfertigt wäre er allemal, weil die Streithähne das Ansehen der Politik und das ihrer Vertreter nachhaltig beschädigen. Vorwärts Tirol wird künftig für einen weiteren gescheiterten Versuch stehen, der Tiroler ÖVP eine bürgerliche Alternative entgegen- oder, je nach Blickwinkel, zur Seite zu stellen. Gescheitert ist das ambitionierte Projekt nicht am mangelnden Wählerzuspruch, sondern am Unvermögen der handelnden Personen. Diese Einsicht schmerzt die Protagonisten und jene, die an sie geglaubt haben, und liegt wie eine Erblast auf jedem neuerlichen Versuch, Tirols Parteienlandschaft zu beleben.
Pikanterie zum Schluss: Im Wahlkampf gefielen sich die Vorwärts-Kandidaten noch mit "Fair"-Wortspielen. In dieser Hinsicht dürfte ihnen der Schmäh ausgegangen sein.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0002